Quarantäne-Tagebuch

Ein kurzer Tatterich und schon ist das Ohr ab

| Lesedauer: 3 Minuten
Jan Schröter
Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Jan Schröter schreibt hier jeden Tag aus der Quarantäne.

Foto: Jan Schröter / Schröter

Die Lockerung der Corona-Maßnahmen stellt Jan Schröter vor gewisse Probleme: Er muss nun wieder selbst entscheiden.

Kreis Segeberg.  Kaum werden ein paar Corona-Beschränkungen gelockert, stecke ich in der Zwickmühle. Denn je weniger einem erlaubt ist, umso weniger muss man entscheiden. Was im Umkehrschluss bedeutet: Je mehr man entscheiden muss, umso mehr kann man falsch machen.

Nun dürfen wir also wieder zum Friseur. Unter Einhaltung diverser Sicherheitsmaßnahmen zwar, aber wir dürfen. Abgetrennter Wartebereich, alle auf Abstand, mit Maske und schön die Patschhändchen desinfizieren, schon klar. Kommt man an die Reihe, wird das Personal selbstverständlich jeglichen Körperkontakt vermeiden. Geschnitten wird mit handelsüblichen Teleskop-Entastern, auch unter der Bezeichnung „Schneidgiraffe“ bekannt. Die ermöglichen sogar Abstände von bis zu zehn Metern, da könnte man eigentlich auf den Firlefanz mit dem abgetrennten Wartebereich verzichten und die Kundschaft auf der Straße stehen lassen, um ihnen aus dem Salonfenster heraus die Frisur zu richten.

Diese Frisuren werden hardwarebedingt ein wenig anders ausfallen als vor der C-Krise. Das Ergebnis des Haarschnitts zeigt vor allem, welche(r) Haarkünstler/in die ruhigste Hand hat. Denn bei maximaler Ausfahrlänge lässt schon ein leichter Tatterich die Schneidgiraffe ausschlagen wie eine Wünschelrute über einer kapitalen Wasserader, was im ungünstigsten Fall seitens des Gestutzten zu spontanem Ohrverlust führen kann. Deshalb sollte die Kundschaft bereits vor der Prozedur vereinbaren, die Haarpracht nicht zu extrem einzukürzen, damit notfalls noch genug Schopf übrig ist, um malträtierte Gesichtsteile mit gekonnt drapierten Strähnen tarnen zu können. Die modelliert der Figaro aus Abstandsgründen dann nicht mit dem Kamm, sondern er zeigt Ihnen, was eine Harke ist und was die noch alles kann außer Rillen ins Beet kratzen. Spätestens zu Halloween, darauf wette ich, wird der Coronafrisur-Style total im Trend liegen.

Zurück zur persönlichen Zwickmühle. Bevor die Frisiersalons wieder öffneten, hat mir meine Frau die Haare geschnitten. Sie hat es toll gemacht. Wäre es nicht so toll gewesen – nicht schlimm, durfte eh kaum das Haus verlassen. Und jetzt? Ruft mich die Friseuse an, bei der ich seit Jahrzehnten Stammkunde bin. Ich müsste bestimmt dringend meine noch verbliebenen Haare und so weiter… alle wollen jetzt einen Termin bei ihr, aber sie möchte sich bei ihren Stammkunden-Lieblingen (also bei mir, z. B.) für die langjährige Treue bedanken, indem sie ihnen die Termine der ersten Woche nach Wiedereröffnung reserviert.

Was mache ich bloß? Meine Haare wurden gerade erst geschnitten. Gehe ich nächste Woche zur Friseuse, sieht sie den Fremdschnitt und fühlt sich betrogen. Schlage ich ihr wohlgemeintes Terminangebot aus, ist sie sicher enttäuscht. Ich werde sie verprellen, so oder so. Und wenn die Salons wieder arbeiten, schneidet meine Frau mir nicht mehr die Haare. Hoffentlich fallen die Verbliebenden auch bald aus, dann ist endlich Schluss mit dem Theater.

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