Umweltschutz

Der Fischretter aus Bad Bramstedt

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Die Mitglieder des Angelsportvereins Forelle sind aktiv: Im November werden Lachse und Forellen gefangen. Den weiblichen Tieren werden die Eier abgestreift, den männlichen der Samen. Die befruchteten Eier kommen in die Aufzuchtbecken.

Die Mitglieder des Angelsportvereins Forelle sind aktiv: Im November werden Lachse und Forellen gefangen. Den weiblichen Tieren werden die Eier abgestreift, den männlichen der Samen. Die befruchteten Eier kommen in die Aufzuchtbecken.

Foto: Frank Knittermeier / Angelsportverein Forelle Bad Bramstedt

Mit Hilfe seiner Vereinskameraden hat es Maic Kirchner geschafft, die Bach- und Meerforelle in der Region vor dem Aussterben zu bewahren.

Bad Bramstedt . „Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters, der Triumph des rechten Winkels: Serienlandschaft.“ Diese Kritik von Naturschützern stammt aus den 1980er-Jahren. Damals war die ländliche Natur im wahrsten Sinne des Wortes schon in den Bach gefallen: Die Flurbereinigung, beschlossen und besiegelt 1957 in den Römischen Verträgen der sechs Mitgliedsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, sollte neue Agrarstrukturen hervorbringen. Sie führte vielerorts zur Verödung der Landschaft und beschleunigte das Dörfersterben.

Ungefähr 1980 warf Maic Kirchner zum ersten Mal seine Angel in der Umgebung von Bad Bramstedt aus – und er stellte schnell fest: Die Flurbereinigung hat aus den Bächen und Flüssen der Umgebung kleine Kanäle mit schnell fließendem Wasser gemacht. Laichplätze für Meerforellen und Lachse wurden zunehmend rar, die natürliche Fortpflanzung dieser Fischarten war in Gefahr. Damals schwor sich der 16-jährige Maic, eines Tages etwas für die Erhaltung dieser Fischarten zu unternehmen. Heute, mit 57 Jahren, gehört der Bramstedter zu den gefeierten Fischrettern im Lande. Als Vorsitzender des Bramstedter Anglervereins Forelle hat Maic Kirchner Maßstäbe zur Erhaltung von Fischarten gesetzt. Im Fernsehen wurde mehrfach über ihn und seine Rettungsaktionen berichtet, der Landessportfischerverband Schleswig-Holstein ehrte ihn mit der Goldenen Nadel.

Die Fische finden kaum noch natürliche Laichplätze

Was zeichnet den Maschinenbautechnik-Disponenten aus? Er hatte eine Vision und schaffte es, viele Sportfischer, die im Bramstedter Verein organisiert sind, für diese Vision zu begeistern. Mit Hilfe seiner Vereinskameraden hat er es geschafft, den Bestand der Bach- und Meerforelle und des Lachses in den Gewässern rund um Bad Bramstedt (Ohlau, Bramau, Schmalfelder Au) wieder auf einen Stand zu bringen, der vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar war.

Natürlich lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Die Flurbereinigung hat der ländlichen Idylle einen Fußtritt versetzt. Das Kiesbett vieler Flüsse wurde abgebaut, Laichplätze für Fische sind rar. Deshalb finden die Fische kaum noch natürliche Laichplätze und können sich kaum noch auf natürlichem Wege vermehren. „Ein paar Fische haben es noch geschafft, sich zu vermehren“, sagt Maic Kirchner. „Aber die meisten leider nicht mehr.“

Im Jahr 1983 begannen Mitglieder einer Arbeitsgemeinschaft, der alle Vereine angehören, die rund um Bad Bramstedt Wasserflächen gepachtet hatten, der Natur nachzuhelfen: Sie streiften den weiblichen und männlichen Fischen Eier und Samen ab, um in Behältern Fischnachwuchs zu züchten. Eigentlich werden die Eier von den Fischen im Kiesbett abgelegt, wo sie auf natürlichem Wege in sechs bis acht Wochen heranreifen, bis der Nachwuchs schlüpft. Da Kiesbett kaum noch vorhanden ist, funktioniert diese natürliche Art der Fortpflanzung nicht mehr. Der Erfolg war mäßig. „Die Bestände wurden nicht größer“, erinnert sich Maic Kirchner. Deshalb wurde 2010 auf einem vereinseigenen Gelände ein Bruthaus gebaut, in dem ideale Bedingungen für die Aufzucht von heimischen Salmoniden (Meer- und Bachforellen, Lachse) herrschen.

Jährlich werden hier gut 250.000 Forellen- und Lachseier ausgesetzt, aus denen nach etwa 34 Tagen die kleinen Fische schlüpfen. Drei bis vier Wochen behalten sie ihren Dottersack, anschließend werden sie angefüttert, bevor die Winzlinge jetzt im Frühjahr in die Bäche gesetzt werden. Über Bramau, Stör und Elbe schwimmen sie nach etwa anderthalb Jahren in Richtung Nordsee, wo sie sich etwa vier Jahre gut ernähren, bevor sie als ausgewachsene Fische wieder zu ihrem Aussetzungsort in den heimischen Auen zurückschwimmen.

Eingefangen werden die Fische mit Hilfe des Elektrofischens

Warum ist das so? Maic Kirchner kennt die Antwort nicht: „Es ist so, aber niemand kann sagen, warum. Es ist so ähnlich wie bei den Zugvögeln.“ Anfangs kamen nur wenig der angezüchteten Fische zurück, weil es in der Natur viele natürliche und künstliche Feinde gibt, denen sie zum Opfer fallen. Aber inzwischen werden es immer mehr. Die gut 25 Helfer aus dem Anglerverein Forelle schaffen es in den Herbstmonaten, pro Tag bis zu 200 Forellen Eier und Samen abzustreifen. Eingefangen werden die Fische mit Hilfe des sogenannten Elektrofischens: Sie bekommen einen leichten Stromschlag, der sie im Wasser für wenige Sekunden betäubt, sodass sie mit einem Kescher leicht einzufangen sind.

Das Elektrosystem ist behördlich zugelassen. Nach dem Abstreifen kommen sie sofort wieder ins Wasser, werden aber seit zwei Jahren mit einem Chip versehen, um sie so auch nach Jahren noch als Rückkehrer identifizieren zu können. Dieses Verfahren gilt auch für Lachse, die allerdings bis in den Nordatlantik ziehen, bevor ein kleiner Teil nach drei bis vier Jahren wieder in die heimischen Gewässer zurückkehrt.

Maic Kirchner und seine Angelfreunde glauben, den natürlichen Kreislauf der Natur und speziell der Forellen und Lachse wieder ein wenig zurechtzurücken. „Es ist unser bescheidener Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz“, sagt Vereinsvorsitzender Maic Kirchner. „Wir wollen ganz einfach, dass diese Fische nicht aussterben.“

Viele Hundert freiwillige Arbeitsstunden werden von den Vereinsmitgliedern geleistet. Das Bad Bramstedter Beispiel gilt inzwischen als Vorbild für andere Angelsportvereine in Norddeutschland.

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