Neue Datenbank

Schulen im Kreis Segeberg melden 90 Gewalttaten

In 43 Prozent der 756 Fälle im Gewaltmonitoring des Bildungsministerium handelte es sich im Körperverletzungen (Symbolbild).

In 43 Prozent der 756 Fälle im Gewaltmonitoring des Bildungsministerium handelte es sich im Körperverletzungen (Symbolbild).

Foto: Oliver Berg / dpa

Prügelei, Mobbing, Beleidigung: Schleswig-Holstein sammelt alle Fälle und Schulen im Kreis Segeberg beteiligen sich rege.

Kreis Segeberg.  Die Coronapandemie hat den Schulalltag zum Erliegen gebracht. Doch Schüler und Lehrer arbeiten auf Distanz und digital weiter. Und auch in der Schulpolitik gibt es noch andere wichtige Themen außer dem Virus – etwa die Gewalt unter Schülern. Denn hier gibt es besorgniserregende neue Zahlen aus dem Gewaltmonitoring des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums.

Ministerin Karin Prien (CDU) hatte für das Schuljahr 2018/19 erstmals eine Datenbank eingerichtet, um Gewalt an Schulen faktenbasiert ermitteln zu können. Die Schulen im Land meldeten dann auch 756 Fälle von Gewalt aus den Klassenzimmern, Schulhöfen oder Turnhallen. Was auffällt: Der Kreis Segeberg ist mit 90 Meldungen überdurchschnittlich vertreten. Fast jeder achte Fall von Rauferei und Prügelei, von Beleidigung oder Mobbing im Internet handelt von Schülern des Kreises. In einer Rangliste, in der die Zahl der Meldungen zur Schülermenge ins Verhältnis gesetzt wird, belegt der Kreis Segeberg mit Kiel und dem Kreis Plön die ersten drei Plätze.

Gemeldet haben die Schulen Vorfälle, auf die sie mit Ordnungsmaßnahmen nach Paragraf 25 des Schulgesetzes reagiert haben. Darunter fallen der Ausschluss von Schul- und Unterrichtsveranstaltungen, von Wandertagen, die Überweisung in eine Parallelklasse oder in eine andere Schule. Ministerin Prien: „Das Monitoring benennt erstmalig all jene Fäll, die unterhalb von Straftatbeständen und damit außerhalb der Kriminalitätsstatistik liegen.“

Ob Segebergs Schüler gewalttätiger sind als andere Zeitgenossen im Land, dazu wollte sich Segebergs Schulrat Odert Schwarz nicht äußern. Er verweist auf die Analyse des Ministeriums. Hier zeigt sich, dass die hohen Fallzahlen in Segeberg nicht auf überdurchschnittlich gewalttätige Schüler, sondern auf einen überdurchschnittlich offensiven Umgang der Schulen mit dem Thema schließen lassen.

Schulen bieten umfangreiche Hilfe im Konfliktfall

Während die Segeberger Schulen 90 der 756 Fälle gemeldet haben, sind Schulen aus Stormarn nur mit neun Fällen vertreten. Ministerin Prien: „Einige Schulen verfolgen eine Null-Toleranz-Politik, was zu einem entsprechend hohen Meldeaufkommen führt, ohne dass sich daraus direkt ein besonders hohes Gewaltaufkommen im Vergleich zu anderen Schulen ableiten ließe.“ Auch die Sozialstruktur von Schülern und Eltern spiele dabei eine Rolle. Auffällig ist, dass 72,5 Prozent der Meldungen im Monitoring von den Gemeinschaftsschulen kamen – obwohl in dieser Schulform nur gut ein Viertel der 368.097 Schülerinnen und Schüler im Norden lernt.

„Wir haben Gewalt an unserer Schule gut im Griff“, sagt Rainer Bülck, Leiter der Gemeinschaftsschule Harksheide, der Norderstedt nicht als Gewaltschwerpunkt sieht. Er habe zwei Vorfälle nach Kiel gemeldet und liegt damit unter dem Landesschnitt von vier Gewaltvorkommnissen. Es gebe ein umfassendes Präventionspaket mit Konfliktlotsen, die schon in der fünften Klasse eingreifen, wenn Mitschüler aneinandergeraten. Speziell ausgebildete Streitschlichter würden in den höheren Klassenstufen aktiv. Wichtige Ansprechpartnerinnen seien die Schulsozialarbeiterin und die Schulseelsorgerin, eine besonders ausgebildete Lehrerin. Die Gespräche seien freiwillig und würden protokolliert. Das gelte auch für Vereinbarungen und Absichtserklärungen, wie Konflikte künftig möglichst gewaltfrei gelöst werden sollen.

Auch sein Kollege Siegfried Hesse von der Gemeinschaftsschule Ossenmoorpark sieht keine Dramatik. Er habe drei Fälle gemeldet, liegt damit noch unter dem Landesschnitt. „Es gibt bei uns eine ausgeprägte Hinguck-Kultur“, sagt der Pädagoge. Kleinere Konflikte gehörten allerdings zum Schulalltag wie Beleidigungen oder „der hat mich blöd angeguckt, und das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen“. Oft würde Streit von außerhalb der Schule, von Treffen am Nachmittag oder an den Wochenenden in die Schule hineingetragen. „Häufig fehlen den Schülern die sprachlichen Kompetenzen, um Konflikte friedlich beizulegen“, sagt Hesse.

Er lobt die gute Kooperation mit dem Lise-Meitner-Gymnasium. Für beide Schulen im Schulzentrum Süd stehen 1,5 Stellen für Sozialarbeit zur Verfügung. Um aber gerade die kleineren Konflikte unterhalb der Meldeschwelle ans Ministerium besser bewältigen zu können, wünscht sich Hesse, wie viele seiner Kollegen, noch mehr erzieherische Unterstützung.