Norderstedt
Kreis Segeberg

Schüler genervt vom Wirrwarr um Abitur-Prüfungen

Ein Bild aus Corona-freien Zeiten: Die Abiturienten Jannike Köhler (18) und Arian Bakhtiari (19) lernen gemeinsam im Gymnasium Harksheide.

Ein Bild aus Corona-freien Zeiten: Die Abiturienten Jannike Köhler (18) und Arian Bakhtiari (19) lernen gemeinsam im Gymnasium Harksheide.

Foto: Privat

Die Abiturienten auf den Schulen der Region haben Stress – durch die Ansagen der Politik: Finden die Prüfungen statt oder nicht?

Kreis Segeberg.  Nun gibt es Klarheit für die Schüler und ihre Lehrer in Schleswig-Holstein: Die Abiturprüfungen werden nicht ausfallen, sondern verschoben. Nach den Osterferien ab dem 21. April sei es vertretbar, die Prüfungen zuzulassen. „Das hat mir Gesundheitsminister Heiner Garg versichert“, sagte Schleswig-Holsteins Kultusministerin Katrin Prien am Mittwoch. Jeder Abiturient soll in diesem Jahr seinen Abschluss bekommen, alle Abschlüsse aus allen Ländern würden bundesweit anerkannt, obwohl die Länder bei den Aufgaben sogar von den zentralen Vorgaben abweichen dürfen.

In einer Telefonschalte hätte sich die Kultusministerkonferenz der Länder auf diese Regelung geeinigt, sagte Prien. Genau das habe sie erreichen wollen, als sie am Dienstag „vorgeprescht“ war und eine Absage der schriftlichen Prüfungen ins Spiel gebrachte hatte. „Eine Einigung war bislang nicht in Sicht. Jetzt ist sie da – und noch vor Ostern. Das wollte ich erreichen.“ Zuvor hatte sich Prien jedoch heftige Kritik an ihrem Vorstoß anhören müssen, weil er für Verunsicherung bei den Schülern gesorgt habe. „Es gab Kritik. Aber auch viel Zuspruch von den Schulen“, verteidigte sich Prien.

Wie auch immer: Der Zick-Zack-Kurs der Politik hat bei den Schülerinnen und Schülern einen schlechten Eindruck hinterlassen. Das Abendblatt hat sich in den Abiturjahrgängen umgehört.

Priens Vorstoß fanden Jannike Köhler (18) und Arian Bakhtiari (19) ganz gut. Sie bereiten sich auf die Abiturprüfungen am Gymnasium Harksheide vor und unterschrieben sogar eine Petition zur Abschaffung der Prüfungen. „In vielen Familien gibt es derzeit akute Existenzängste, weil die Eltern den Job verloren haben oder Familienunternehmen vor der Insolvenz stehen. In so einer Situation kann sich niemand auf das Abi konzentrieren.“ Außerdem sei die Vorbereitung schlecht gewesen. „Wir haben keinen persönlichen Kontakt mehr zu den Lehrern und können uns untereinander nicht in Lerngruppen treffen. Durch die jetzige Verschiebung kommt es zudem zu zeitlichen Verdichtungen der Prüfungen. Angesichts dieser schwierigen Situation wäre eine Absage der richtige Schritt gewesen.“

Finn Luca Frey, Jahrgangssprecher am Lise-Meitner-Gymnasium, kritisiert, dass die Prüfungen nun stattfinden sollen. „Ich bezweifle, dass in Schleswig-Holstein die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden können, um die Prüfungen gefährdungsneutral durchzuführen.“ Viele Schüler hätten ihre Abi-Vorbereitung unterbrochen, um sich als Einkaufshelfer oder freiwillige Aushilfe in Supermärkten oder medizinischen Einrichtungen für die Gemeinschaft zu engagieren. „Dass es nun doch Prüfungen gibt, torpediert diese essenzielle Arbeit. Nicht vergessen dürfe man auch, dass manche Schüler durch Corona-Erkrankungen in der Familie, bei Freunden und sogar durch den Verlust von Familienmitgliedern betroffen seien. „Es ist eine Schande, diese Menschen mit Abschlussprüfungen zu belasten“, sagt Frey.

Andere Schüler sorgen sich dagegen um ihren Leistungsnachweis. Leonie Hofmann (19) aus Tangstedt, Abiturientin am Berufsbildungszentrum (BBZ) Norderstedt, ist „mega zwiegespalten“, wie sie sagt. „Einerseits finde ich es schwierig, mich aufs Lernen und das Abi zu konzentrieren. Andererseits haben sich viele darauf verlassen, mit der Abinote ihren Schnitt noch mal zu verbessern. Ich möchte einfach mein Abitur und dass diese nervenaufreibende Zeit ein Ende hat!“ Mitschülerin Stefanie Krieger (19) versteht jeden Schüler der Angst hat, sich bei Prüfungen anzustecken. „Andererseits wäre es unfair gegenüber denjenigen, die Abiturprüfungen in den Jahren davor nicht bestanden haben. Ohne Prüfung hätten wir das Abitur ja im Prinzip geschenkt bekommen.“

Für Nina Kleiß (19) vom BBZ war die Absage der ursprünglichen Prüfungstermine ein Schock. „Keiner wusste, wie es mit unseren Prüfungen aussieht. Fast wöchentlich wurde etwas anderes vom Ministerium bestimmt.“ Ins Stocken kam auch die Planung des Jahrbuches, der Abipullover, des Abiturballs. Nun gibt es Klarheit, dass die Prüfungen stattfinden. Jule Kock (18) vom Hen­stedt-Ulzburger Alstergymnasium bereitet sich jetzt wieder auf ihre Prüfungen in WiPo, Englisch, Biologie und Mathematik vor. „Ich war zuvor ein bisschen in der Schwebe, wusste nicht, für was ich lernen soll, hatte es etwas heruntergeschraubt.“ Am 20. Juni wird der Abiball in einer Location auf der Trabrennbahn Bahrenfeld gefeiert. Noch ist die Party nicht abgesagt worden.