Norderstedt
Serie: 50 Jahre – 50 Köpfe

Ein Norderstedter mit vielen Ideen – und sozialer Ader

Metzgermeister und Erfinder Wilfried Stobbe (74), der hier am Gedenkstein für den ehemaligen Harksheider Bürgermeister und Ersten Stadtrat Norderstedts Carl Lange steht, ist in Harksheide ausgewachsen.

Metzgermeister und Erfinder Wilfried Stobbe (74), der hier am Gedenkstein für den ehemaligen Harksheider Bürgermeister und Ersten Stadtrat Norderstedts Carl Lange steht, ist in Harksheide ausgewachsen.

Foto: Thorsten Ahlf

Wilfried Stobbe ist in Harksheide aufgewachsen. Der 74-Jährige lebte in Südafrika, doch seinen Lebensabend will er in Norderstedt verbringen.

Norderstedt . Wenn Wilfried Stobbe erzählt, nimmt er sich dafür Zeit und Raum. Und der Mann mit der stattlichen Statur hat viel zu erzählen an diesem Vormittag im Januar. Für die entsprechenden Rahmenbedingungen im Stonsdorfer Weg hat der 74-Jährige zuvor gesorgt. Stilvoll gedeckter Wohnzimmertisch, edles Familiengeschirr mit Goldrand, frische Berliner vom Bäcker, köstlicher Kaffee. Wie der duftet! Der Hausherr übrigens auch. Ein italienisches Markenparfüm hat Wilfried Stobbe aufgetragen. Gut duftende Männer, das mögen die Frauen, sagt der im Sternzeichen des Löwen Geborene verschmitzt.

Und dann fängt er an zu erzählen. Von Hans-Joachim Grote, dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt. „Für mich war er der Richtige. Er hat in Norderstedt viel Vorbildliches bewirkt. Der Stadtpark ist nur ein Beispiel.“ Dort sei ihm Grote vor Jahren auf dem Fahrrad begegnet. Im Regen. „Auch der Bürgermeister wird mal nassgemacht“, habe Stobbe ihm zugerufen und beide hätten herzlich gelacht. An seine Nachfolgerin Elke Christina Roeder habe er sich zu Beginn erst mal gewöhnen müssen.

„Während meiner Jugend war hier ausschließlich Heide“

Schade findet Stobbe, dass er in der Zeitung habe lesen müssen, Grote, jetziger Innenminister Schleswig-Holsteins, sei dem Empfang zum 50-jährigen Bestehen der Stadt in der „TriBühne“ ferngeblieben. Spricht’s und gießt noch mal Kaffee nach. Die Sonne scheint durch das Fenster der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Harksheide, die er vor fünf Jahren von der Adlershorst Baugenossenschaft eG Norderstedt gemietet hat. „Während meiner Jugend war hier ausschließlich Heide“, erinnert sich Stobbe. Mit dem Rad sei er im Sommer querbeet hier durchgefahren auf dem Weg ins Freibad nach Langenhorn.

In Harksheide ist er auch aufgewachsen. Nach Schule und Schlachterlehre folgt die erste Anstellung in Garstedt. Im ehemaligen Harksheider Tanzlokal Eggers trifft der 20-Jährige seine spätere Ehefrau Renate. 1967 wird Sohn Christian geboren. Nach der Scheidung wandert Stobbe aus nach Südafrika. Arbeitet sich in einem Fünf-Sterne-Hotel in Johannesburg hoch bis zum Sous Chef. Kocht für Schauspiellegenden wie Elizabeth Taylor und Richard Burton. Holt Ex-Frau und Sohn kurze Zeit später nach. Das Paar heiratet in Südafrika zum zweiten Mal. Der landesweiten Unruhen wegen geht’s ein Jahr später zurück nach Deutschland.

An der Ulzburger Straße baut die Familie ein Haus

Wilfried Stobbe startet in einer Hamburger Fleisch- und Wurstfabrik, wird später deren Betriebsleiter. Die Familie erfüllt sich den Traum vom eigenen Haus und baut an der Ulzburger Straße. „Wir hatten es sehr schön dort am Rande Norderstedts. Überhaupt haben wir in der Stadt viele Freunde gefunden“, sagt Wilfried Stobbe, der seit 2005 pensioniert ist. Sich in das gesellschaftliche Miteinander zu integrieren und sozial zu engagieren, war seiner Frau und ihm immer wichtig. „Sie war viele Jahre lang die Sprachpatin eines jungen Ausländers und begleitete an Demenz erkrankte Menschen.“

Stobbe selbst unterstützte bis zu einem Unfall vor einigen Monaten die Norderstedter Tafel. Holte mit zwei weiteren Fahrern Lebensmittel aus Supermärkten. Bis zu einer Tonne am Tag. „Das Schicksal der Menschen berührt mich sehr“, sagt er nachdenklich und hofft, sein Ehrenamt bald wieder aufzunehmen. Denn Bedürftigen zu helfen, sehe er als seine Pflicht an. „Die Politiker reden zu viel und tun zu wenig, auch hier in Norderstedt“, sagt Stobbe voller Entrüstung.

Regelmäßig besuche er den Norderstedter Sozialausschuss und protokolliere jede Sitzung. „Die streiten sich um jeden Cent, auch wenn es darum geht, Bedürftige zu unterstützen.“ Das sei pietätlos und gehe gegen seinen Gerechtigkeitssinn.

Noch etwas Kaffee? Einen Berliner dazu? Gern. Am liebsten einen halben. Ob er wohl ein Messer habe? „Natürlich“, sagt der Hausherr, der nach seiner Pensionierung zehn Jahre lang mit „Willis mobiler Schleifstation“ über Hamburgs Märkte tourte und alles schliff, was scharf sein musste. Seit sechs Jahren führt nun Sohn Christian das Geschäft. Auf dem Norderstedter Wochenmarkt sei er mit seiner Schleifstation nie gewesen, sagt Stobbe. Aber als Kunde kaufe er hier gern ein.

Der pensionierte Fleischermeister kocht selbst. Meist für sich allein. Seit das Ehepaar vor fünf Jahren sein Haus verkaufte, geht es räumlich getrennte Wege. Doch zu Weihnachten habe sich die Familie zum selbst gemachten Gänsebraten getroffen.

Seine Küche diene ihm übrigens auch als Ideenschmiede, sagt Stobbe, der sich soeben seinen „Tuben-Tiegel-Deckel“ (mit ihm lasse sich jede Cremetube restlos entleeren) hat patentieren lassen. Oft stehe er schon morgens früh am Küchenfenster und denke nach. Auch über die nachhaltige Zukunft Norderstedts. Nach Stobbes Vorstellung könnten die Bürger der Stadt direkt von einer stadtnahen Stromproduktion über Windkrafträder profitieren. Und wer am Stadtrand wohne, könne so einen finanziellen Vorteil genießen.

Nachhaltige Entwicklung liegt ihm am Herzen

Auch über seine eigene Zukunft macht sich der passionierte Radfahrer Gedanken. In Harksheide wird er bleiben. Nur die Wohnung irgendwann aufgeben, um ins benachbarte „Levenslust“-Quartier zu ziehen. Eine Mehr-Generationen-Anlage für ältere Menschen, für Singles, Paare und Familien. Stobbe schätzt das Konzept, alle Altersgruppen zusammenzubringen. Die zentrale Lage mit Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel sei gut und perfekt für Menschen, die gern unterwegs sind. Menschen wie Wilfried Stobbe, die sich Zeit und Raum nehmen, so inspirierend davon zu erzählen.