Norderstedt
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Bestattungen: Bio-Urnen werden immer beliebter

Andrea Pöhls vom Norderstedter Bestatter Wulff & Sohn zeigt die Bio-Urnen, die sich zersetzen und immer stärker gefragt sind.

Andrea Pöhls vom Norderstedter Bestatter Wulff & Sohn zeigt die Bio-Urnen, die sich zersetzen und immer stärker gefragt sind.

Foto: Michael Schick

Körper kompostieren oder einen Baum in die Asche pflanzen – neue Formen der Bestattung tauchen auf. Bestatter im Norden sind aber skeptisch.

Norderstedt. Der Herbst mit dem Totensonntag ist traditionell die Zeit, in der sich die Menschen mehr als sonst mit dem Sterben und dem Tod beschäftigen. Und gerade, wenn es um die Bestattung geht, halten neue Formen und der Ökogedanke auch im Norden Deutschlands Einzug, wie Ralf Paulsen, stellvertretender Obermeister der Bestatter-Innung in Schleswig-Holstein, bestätigt. So wirbt die schwedische Biologin Susanne Wiigh-Mäsak für die von ihr entwickelte Frost-Bestattung: Tote werden mit Stickstoff schockgefroren. Durch Vibration zerfällt die Leiche anschließend in winzige Teile, die in einem biologisch abbaubaren Behälter in der Erde vergraben werden. Das sei, so die Erfinderin, die ökologischste und natürlichste Bestattungsform, weil der Mensch in sechs bis zwölf Monaten zu Erde werde.

Auch der Rellinger Bestatter Jörg Vieweg plädiert für naturverträgliche Verfahren. Er hat sich dafür ausgesprochen, Tote zu kompostieren. Beim „Recomposting“, das die Amerikanerin Katrina Spade entwickelt hat und in Seattle bereits umsetzt, werden Verstorbene in eine Wabe geschoben, in deren Innerem Rindenmulch, Pflanzen und Holzspäne ringsum leicht erwärmt und durchlüftet werden. Innerhalb von sechs Wochen sei der Körper komplett kompostiert und würde dann den Angehörigen übergeben. Auch „Tree of Life“ kommt aus den USA. Angehörige wählen einen Wunschbaum aus, der dann in ein Gemisch aus Substrat und der Asche des Verstorbenen in den eigenen Garten gepflanzt wird und so der Familie an einem persönlichen Platz nahe ist.

Ideen widersprechen gesetzlichen Regelungen

„Wir werden immer wieder mit neuen Verfahren und Ideen konfrontiert, die aber meist nicht mit den gesetzlichen Regelungen in Deutschland vereinbar sind“, sagt Paulsen. Auch Andrea Pöhls vom Bestattungsinstitut Wulff & Sohn in Norderstedt sieht solch neue Formen der Bestattung kritisch und verweist auf die Friedhofspflicht, die für Deutschland gilt.

Demnach müssen Verstorbene ihre letzte Ruhe in offiziellen Gräbern finden. „Erlaubt sind Feuer-, See- und Erdbestattungen“, sagt Pöhls. Auch ein Baumgrab in einem Wald sei zulässig, wobei eine Gemeinde oder Stadt Träger eines Friedwalds sein müssen. „Wer beispielsweise die Asche verstreuen will, muss mit der Urne in die Schweiz oder die Niederlande reisen, wo die Überreste von einem Heißluftballon aus verstreut werden können“, sagt Ralf Paulsen. Für die Frost- oder Kompostbestattungen gebe es noch keine gesetzlichen Regelungen und keine Anlagen, das seien eher theoretische Themen.

Die Piratenpartei hatte vor knapp drei Jahren im Landtag beantragt, das Bestattungsrecht in Schleswig-Holstein zu lockern. Angehörige sollten die Urne mit nach Hause nehmen oder die Asche außerhalb von Friedhöfen verstreuen können. Die Piraten stützten sich auf Umfragen, wonach sich die Mehrheit der Schleswig-Holsteiner vorstellen konnte, die Urne zu Hause aufzubewahren. Der Landtag stimmte dagegen.

Auch Paulsen hält nichts davon, die Trauer dauerhaft zu privatisieren. „Die Urne würde der Öffentlichkeit entzogen, Menschen, die nicht zur Familie oder zu den Freunden gehören, könnten das Grab nicht besuchen. Und was ist, wenn ein neuer Partner oder eine neue Partnerin ins Haus kommt? Soll der ständig die Überreste seines Vorgängers oder seiner Vorgängerin vor Augen haben?“

Bestatterin Pöhls hat beim Tree-of-Life-Verfahren ganz praktische Bedenken: „Was ist, wenn das Grundstück verkauft wird, und der neue Eigentümer den Baum fällt oder ausgräbt? Oder was passiert Jahre später, wenn der Baum groß geworden ist und vielleicht stört?“

Friedhöfe spielen immer weniger eine Rolle

Dennoch stellen die Bestatter einen Wandel fest – weg von der klassischen Erd- und hin zu Feuerbestattungen und pflegeleichten Grabstätten. Angehörige wollten oder könnten das Grab nicht pflegen, weil sie weit weg leben oder die Zeit knapp sei. „Friedhöfe spielen immer weniger eine Rolle, See- und Waldbestattungen nehmen zu“, sagt Paulsen. In Schleswig-Holstein würden 60 Prozent der Toten inzwischen verbrannt, nur noch 40 Prozent in einem Sarg bestattet.

Das traditionsreiche Bestattungsunternehmen in Norderstedt hält es eher mit bekannten Ritualen: Abschied vom Verstorbenen vor der Verbrennung, Beisetzung der Urne mit Trauerrede und Musik. „Solche Abläufe geben Sicherheit und Struktur in einer Situation, in der die Angehörigen den Tod noch verarbeiten und emotional angegriffen sind“, sagt Andrea Pöhls.

Dennoch bleibe Raum für individuelle Wünsche. Zum Beispiel bei der Musik – immer wieder gern genommen würden Songs von AC/DC wie „Highway to Hell“. Die Pastorin habe die „Höllenfahrt“ aber sehr gekonnt interpretiert und passend auf den Verstorbenen zugeschnitten. Angehörige behalten eine Haarlocke des Toten oder nehmen mit Silikon einen Fingerabdruck und lassen daraus ein Schmuckstück fertigen – all das ist unproblematisch.

Zwar bietet Wulff keine Kompost- oder Frost-Bestattung, doch das Umweltbewusstsein hat auch hier und bei den Kollegen Einzug gehalten: Urnen aus Naturfasern setzen sich immer mehr durch. Die Bio-Behälter, die sich nach einer gewissen Zeit zersetzen, gibt es mit vielen und individuell gestalteten Motiven.