Norderstedt
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Prozess: Rentner um 180.000 Euro betrogen

Ältere Menschen werden immer wieder Opfer von Betrügern.

Ältere Menschen werden immer wieder Opfer von Betrügern.

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance / Sebastian Gol

Drei Männer stehen ab heute in Kiel vor dem Landgericht. Sie gaben sich dem Norderstedter (88) gegenüber als Polizisten aus.

Norderstedt/Kiel.  Die Täter riefen immer wieder an. Vier Wochen lang. Der 88-jährige Norderstedter Paul Clausen (Name von der Redaktion geändert) hatte keinen Zweifel, dass er mit Polizisten sprach. Die Nummer, die auf dem Telefondisplay angezeigt wurde, war die des Norderstedter Polizeireviers. Das hatte der Rentner recherchiert. Die Anrufer waren offenbar sehr um seine Sicherheit und besonders um sein Vermögen besorgt. Dass Clausen skrupellosen Betrügern aufgesessen war, bemerkte er erst, als er einem vermeintlichen Polizisten einen Aktenkoffer mit 180.000 Euro übergeben hatte. Er informierte die echte Polizei, ab heute stehen die drei Betrüger in Kiel vor Gericht.

Der Fall gehört zu Hunderten gleich gelagerter Fälle, die die deutsche Polizei bearbeitet. Seit etwa einem Jahr ist die Zahl der Anzeigen explosionsartig angestiegen. Betrüger rufen binnen weniger Stunden in einem Ort Männer und Frauen an, die einen für ältere Menschen typischen Vornamen tragen. „Da werden ganz Orte abgegrast“, sagt ein leitender Ermittler.

Die Anrufer geben sich als Polizisten aus und haben ihr Telefon so manipuliert, dass bei ihrem Opfer die Ziffernfolge 110 oder die Nummer einer Polizeidienststelle auftaucht. „Gespooft“ nennt die Polizei diesen Trick. Dann beginnt mit viel psychologischem Geschick ein Gespräch, in dem der angebliche Polizist den alten Menschen massiv unter Druck setzt: Ermittlungen hätten angeblich ergeben, dass der Angerufene Opfer einer Straftat werden könne. Daher wolle die Polizei sein Vermögen in Sicherheit bringen.

Das Verfahren, das heute beginnt, ist eines von vielen, aber in mancher Hinsicht herausragend: Die erbeutete Summe ist extrem hoch. Außerdem ist es der Polizei gelungen, Hintermänner festzunehmen. Zumeist gelingt es ihr allenfalls, den Boten, der Geld oder Wertsachen abholt, dingfest zu machen.

Im September 2017 sollen sich in Langenhagen bei Hannover drei Männer im Alter von 26, 32 und 33 Jahren verabredet haben, mit dem Polizistentrick das große Geld zu ergaunern. Bei dem 88-jährigen Norderstedter klingelte immer wieder das Telefon, manchmal auch das Handy. Die Botschaft in den zum Teil mehrstündigen Gesprächen war eindeutig: Das Vermögen von Paul Clausen sei in Gefahr. In die bevorstehenden kriminellen Machenschaften seien auch Mitarbeiter seiner Bank involviert.

Um letzte Zweifel auszuräumen, meldete sich irgendwann das „Bundeskriminalamt“ bei dem 88-Jährigen mit der gleichen Lügengeschichte. Besonders perfide: Die Anrufer wiesen auf die Gefahren hin, die sich am Telefon durch Anrufe falscher Polizeibeamte ergeben könnten.

Irgendwann gab der Norderstedter seine Vermögensverhältnisse preis, die Falle schnappte zu. Am 23. Oktober ging Clausen in Hamburg zu seiner Bank, hob 180.000 Euro ab und legte die Bündel mit den Scheinen in einen Aktenkoffer. Kurz darauf traf er sich mit einem der angeblichen Polizisten, der den Koffer übernahm und verschwand. Die beiden anderen Komplizen des Trios standen laut Anklage bei der Übergabe Schmiere. Dass er betrogen worden war, ahnte der Norderstedter erst, als die „Polizisten“ weiteres Guthaben „sichern“ wollten. Sie forderten Clausen auf, 145.000 Euro zu überweisen, die auf einem Konto bei einer anderen Bank lagen.

„Er schöpfte erstmals Verdacht“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Der 88-Jährige informierte sich im Internet über Betrügereien und stieß immer wieder auf die Masche der falschen Polizisten. Seine Zweifel an der Identität der beharrlichen Anrufer wuchsen, bis er die Polizei informierte.

Die Ermittler konnten die drei Männer festnehmen. Gegen den 33-Jährigen und den 26-Jährigen wurden Haftbefehle erlassen. Nach einem Gerichtsbeschluss wurden sie jedoch von der Untersuchungshaft verschont.

Inzwischen weiß die Polizei, dass das meiste Geld in der Türkei verschwunden ist. Verantwortlich ist offenbar ein vierter Mann, gegen den ermittelt wird. Für die drei Männer aus Langenhagen sollen nur 10.000 Euro übrig geblieben sein.

Der Prozess vor dem Landgericht beginnt um 10.30 Uhr und wird am 21. und 31. Januar fortgesetzt.