Norderstedt
Regionalgeschichte

Aus drei mach eins: Die Geburt von Henstedt-Ulzburg

Blick auf das Zentrum Henstedt-Ulzburgs mit Rathaus und CityCenter

Blick auf das Zentrum Henstedt-Ulzburgs mit Rathaus und CityCenter

Foto: TA CAPS / Thorsten Ahlf

Vor 50 Jahren wurde die Fusion zur heute größten Gemeinde Schleswig-Holsteins besiegelt. Damals gab es nicht nur Sieger.

Henstedt-Ulzburg. Weißt du noch?“ Die Stimmung im Restaurant Scheelke in Henstedt-Ulzburg war bestens, als sich aktuelle und ehemalige Parteigrößen der örtlichen CDU in ihrem Stammlokal zum traditionellen Grünkohlessen trafen. So wie sie es seit mehr als 40 Jahren in der Adventszeit tun. Ehefrauen und Ehrengäste eingeschlossen, speisten 100 Personen im großen Saal.

Für besonderen Gesprächsstoff sorgte diesmal ein Jubiläum: Vor 50 Jahren wurde der Zusammenschluss der Dörfer Ulzburg (mit Ulzburg-Süd), ­Henstedt (mit Henstedt-Rhen) und Götzberg zu Großgemeinde Henstedt-Ulzburg vereinbart und von der Kieler Landesregierung genehmigt. Im übernächsten Jahr will man das Jubiläum der Fusion, die zum 1. Januar 1970 vollzogen wurde, groß feiern. Immerhin hat seitdem in der Großgemeinde fast ausnahmslos die CDU das Sagen.

Der pensionierte Landwirt Heinz-Georg Gülk, damals 26 Jahre alt, später langjähriges Gemeinderatsmitglied und Vorsitzender des Feuerwehrausschusses, hat die Ereignisse vor einem halben Jahrhundert hautnah miterlebt. Sein Vater Georg, von 1940 bis 1970 Bürgermeister in Götzberg, spielte damals eine wichtige Rolle. Er wollte den von Ulzburg und Henstedt im Oktober 1968 vereinbarten und dann von der Kieler Landesregierung abgesegneten Zusammenschluss mit allen Mitteln verhindern – der neuen Gemeindereform zum Trotz.

Er war ein Sparfuchs

Der Sohn erinnert sich: „Mein Vater war ein typischer Sparfuchs, er hasste Schulden. Er war stolz darauf, dass Götzberg schuldenfrei war, und daran durfte sich nichts ändern.“

Götzberg mit seinen 240 Einwohnern hatte damals den niedrigsten Steuersatz im Kreis Segeberg und außer der Instandhaltung des Wegenetzes und der Ausrüstung der freiwilligen Feuerwehr keine gemeindlichen Aufgaben. „Wir sind ein Steuerparadies“, freuten sich die Bürger. Straßenbeleuchtungen gab es nicht, ausgebaute Straßen auch nicht. Da blieb immer ein schöner Batzen Geld in der Gemeindekasse. Deshalb wollte Georg Gülk, dass seine Gemeinde selbstständig bleibt.

Gülk ließ sich nicht überzeugen

Im Winter 1968/69 ging Ulzburgs Bürgermeister Heinz Glück, der den Zusammenschluss um jeden Preis wollte, aufs Ganze. Er lud den Götzberger Gemeinderat und die Öffentlichkeit zum Frühschoppen in den Gasthof Schlüter auf dem Gelände der historischen Götzberger Mühle ein und hielt einen langen Vortrag über Vor- und Nachteile einer Großgemeinde.

Noch ließ sich Amtskollege Gülk nicht überzeugen. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Wegen ständig steigender Einwohnerzahlen konnten nur noch wenige Gemeinden ihre Verwaltungsarbeiten ausschließlich mit Ehrenamtlern bewältigen. Hauptberufliche Verwaltungsbeamte mussten her und an einem einzigen Standort für mehrere Orte tätig werden.

Warum die Großgemeinde noch keine Stadt ist

Die Quittung für seine Sturheit erhielt Götzbergs Bürgermeister vom eigenen Gemeinderat. Die Abstimmung in der Wohnstube seines Bauernhofes endete mit 5:2 gegen ihn. Das war die Entscheidung, die Zukunft gehörte einer Großgemeinde.

Aber welchen Namen sollte sie tragen? Im Übergangsjahr 1969, als Ulzburg, Henstedt und Götzberg in einer Verwaltungsgemeinschaft erste Zukunftspläne schmiedeten, ging die Suche los: Vorschläge wie „Ulzstedt“, „Burgstedt“, „Holstein“ und „Alsterburg“ standen im Raum. Weil kein Ortsteil benachteiligt werden sollte, einigte man sich schließlich auf „Henstedt-Ulzburg“. Georg Gülk, nunmehr auf konfliktfreie Zusammenarbeit mit Ulzburg und Henstedt bedacht, war einverstanden.

Am 1. Januar 1970 nahm die Verwaltung mit Heinz Glück (CDU) an der Spitze die Arbeit auf. 9500 Menschen lebten damals in der Samtgemeinde, heute sind es 28.500 Einwohner. Damit wurde der Ort, in dem die Alster entspringt, zur Kommune mit dem stärksten Bevölkerungszuwachs in Schleswig-Holstein.

Ländlicher Charakter

Seit jeher ist Henstedt-Ulzburg die größte Gemeinde im nördlichsten Bundesland. Aber warum ist sie keine Stadt? Die politische Mehrheit hat den Verlockungen einer Stadtwerdung stets widersprochen, auch ein Bürgerentscheid brachte keine Veränderung. Volker Dornquast, von 1988 bis 2009 Bürgermeister, später Landtagsabgeordneter und Staatssekretär im Kieler Innenministerium, sieht das so: „Henstedt-Ulzburg hat keinen städtischen, sondern eher einen ländlichen Charakter.“

Der ehemalige Verwaltungschef, der bei seiner Amtsübernahme vor 30 Jahren die Lacher auf seiner Seite hatte („Bis jetzt hatte die Gemeinde Glück, jetzt hat sie mich“), war bis zu seinem Wechsel in den Kieler Landtag 21 Jahre lang maßgeblich am Aufstieg der Gemeinde beteiligt. Heute sagt er: „Henstedt-Ulzburg hat sich zu einer modernen Gemeinde mit mehr als 25 Prozent Natur- und Landwirtschaft sowie guten sozialen Infra­strukturen entwickelt. Gibt es soziale Probleme, werden sie dezentral gelöst. Bei uns gibt es kein Getto. Das Alstergymnasium ist die Nummer eins in Schleswig-Holstein, auch die anderen Schulen und die Kitas haben einen guten Ruf. Das hohe bürgerliche Engagement in unserer Gemeinde ist lobenswert.“

In der Raumplanung des Landes Schleswig-Holstein wird die Gemeinde als Stadtrandkern 1. Ordnung eingestuft. Das bedeutet, dass sie sich aus ihrer Nähe zu Hamburg definiert und die Funktionen eines sogenannten Unterzen­trums für die Versorgung von mindestens 20.000 Personen ausübt.

„Henstedt-Ulzburg ist auf einem guten Weg“, ist Dornquast sicher. „Die Gemeinde darf sich nur nicht isolieren. Sie ist ein Ort von vielen an der Aufbauachse Nord in der Metropolregion Hamburg“, betont er. Verantwortungen müssten gemeinsam getragen werden. Und irgendwann, so hofft Dornquast, werde Henstedt-Ulzburg auch eine Umgehungsstraße haben, eine S-Bahn bis Kaltenkirchen und eine U-Bahn bis Ulzburg-Süd. „Ob Henstedt-Ulzburg aber jemals Stadt wird, das steht in den Sternen.“