Öffentliche Aufträge

Firmen machen einen Bogen um Norderstedt

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Baubranche zeigt wenig Interesse, sich um Aufträge der Stadt zu bewerben. Auch andere Kommunen in der Region sind betroffen.

Kreis Segeberg.  Die Bauwirtschaft in Schleswig-Holstein und in ganz Deutschland fährt Volllast. Die Auftragsbücher sind voll, und alle Hände haben mehr als genug zu tun. Für die Städte und Kommunen ist diese Hochkonjunktur ein Problem. Denn auf dem Markt der Bauprojekte ist die öffentliche Hand schon lange nicht mehr der begehrteste Kunde. Eher im Gegenteil: Die Baufirmen machen einen Bogen um öffentliche Auftraggeber. Und wenn sie deren Aufträge annehmen, dann für deutlich mehr Geld, als diese es sich gewünscht hätten.

Die Stadt Norderstedt zum Beispiel möchte dringend den „Ringschluss“ um Norderstedt vollziehen, also die mögliche Umfahrung der ganzen Stadt. Dazu fehlt nur noch ein kleines Stück: Die Oadby-and-Wigston-Straße im Norden muss auf die Lawaetzstraße in Fried­richsgabe verschwenkt werden, vorbei am Jungheinrich-Werk und dem Wohn- und Gewerbegebiet Frederikspark. Die Stadt hat den Baubeginn für das Straßenstück auf diesen September festgelegt. Im Bauamt hat man nach den vorliegenden Leistungsverzeichnissen die Kosten für die Arbeiten auf 1.886.000 Euro kalkuliert. So viel Geld wurde im Doppelhaushalt 2018/2019 für das Projekt auch eingestellt. Doch nun macht die harte Realität der hocherhitzten Baubranche den Beamten im Rathaus einen dicken Strich durch die Rechnung. Mit der gesetzlich vorgeschriebenen öffentlichen Ausschreibung der Bauarbeiten lockte die Stadt Norderstedt zwar zwölf Interessenten an, doch Angebote abgegeben haben am Ende kümmerliche zwei Firmen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Baufirmen um öffentliche Aufträge mit überteuerten Abwehrangeboten bekämpft haben.

Oadby-and-Wigston-Straße: Nur zwei Firmen meldeten sich

Nun muss die Stadt nehmen, was da ist. Für die Verschwenkung der Oadby-and-Wigston-Straße boten eine Firma aus Kiel und eine aus Busdorf. Die Kieler berechneten 2.308.075,82 Euro. Die Busdorfer 2.121.036,97 Euro – und damit immer noch 25 Prozent mehr als die Stadt ursprünglich kalkuliert hatte. Da die Bauarbeiten aber für 2018 im Haushalt vorgesehen sind, muss die Stadt jetzt zuschlagen. Die ungeplanten Mehrausgaben kann die Stadt querfinanzieren – weil etwa 400.000 Euro für die in diesem Jahr ausgefallene Sanierung der Segeberger Chaussee und den nicht erfolgten Bau eines Weges in Stonsdorf übrig sind. Oberbürgermeisterin Elke Christina Roeder hat der Busdorfer Firma nun den Zuschlag per Eilentscheidung erteilt – es soll schließlich endlich losgehen in Friedrichsgabe. Bei der Stadt heißt es nun im Bauamt: Die Baukosten werden auch in Zukunft auf hohem Niveau bleiben. Und so werde es trotz vorsichtiger Kostenkalkulation kein Einsparpotenzial mehr geben – die Kostenrahmen der öffentlichen Hand würden also immer voll ausgeschöpft.

In Bad Bramstedt kamen überhaupt keine Angebote

Es gibt weitere Beispiele für das Dilemma. In Bad Bramstedt wollte der Schulverband ein Raumkonzept für die Nachmittagsbetreuung an den Grundschulen umsetzen. „Anspruchsvoll“, sagt Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach. Und: „Von den Mobiliarausschreibungen von circa 20.000 Euro für vier Standorte gab es für die Hälfte zunächst überhaupt keine Angebote.“

Demnächst steht der Ausbau des Schulhofs am Gymnasium an – auch der müsse ausgeschrieben werden. Und die Erweiterung der Gemeinschaftsschule kostet letztlich 20 Prozent mehr. Kütbach: „Im Endeffekt bekommen wir höhere Preis oder im Einzelfall gar nichts geboten.“

Hanno Krause, Bürgermeister in Kaltenkirchen, beschreibt es allgemeiner. „Aufgrund der guten Konjunktur der Wirtschaft, der damit verbundenen hohen Auftragslage und dem spürbaren Fachkräftemangel, ist es schwieriger geworden, Handwerksbetriebe für die laufenden und geplanten baulichen Maßnahmen zu geplanten Terminen zu binden. Bislang kam es hierdurch jedoch grundsätzlich noch nicht zu größeren Verzögerungen.“

Genervt waren die Menschen in Nahe, da die umfangreiche Sanierung der Wakendorfer Straße (Landesstraße 75) fast zwei Jahre dauerte und nicht wie ursprünglich geplant 16 Monate. Der Grund: Aufgrund fehlerhafter alter Zeichnungen mussten Gasleitungen neu verlegt werden. Als das geschehen war, waren jedoch die Baufirmen für die weiteren Maßnahme aus Termingründen nicht mehr verfügbar – für zwölf Wochen ging auf der Großbaustelle gar nichts mehr.

Ausschreibungsverfahren ist vielen Firmen zu kompliziert

„Wenn ich als Bauunternehmen volle Auftragsbücher mit privaten Kunden habe, dann umgehe ich eben gerne den Aufwand des komplizierten öffentlichen Ausschreibungsverfahrens“, sagt Georg Schareck, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes Schleswig Holstein. Die Gewerke haben mit den Rathäusern und Bauämtern des Landes einmal zu oft schlechte Erfahrungen gemacht. „Komplizierte Abläufe, es werden keine verlässlichen Termine genannt, und manchmal kalkulieren Verwaltungen mit Leistungsverzeichnissen aus dem Jahr 2006 – und wundern sich dann, dass sich die Welt weitergedreht hat und alles teurer geworden ist.“ Gerade bei Straßen- oder Tiefbauverfahren gebe es eine Marktsättigung, sagt Schareck. „Oft müssen die Städte diese Bauprojekte noch schnell am Jahresende durchziehen“, sagt Schareck. Die Firmen aber brauchen drei bis sechs Monate Vorlaufzeit für diese Aufträge.

Schareck plädiert für mehr Kommunikation. Ohne gleich das Vergaberecht aushebeln zu wollen, sollten Bauämter gezielt das Gespräch mit den Kreishandwerkerschaften suchen, um Wege zu finden, wie Projekte im Zeit- und Kostenrahmen gehalten werden können.