Norderstedt
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Erfolgsgeschichten der Integrationsarbeit

Sechs Jugendliche aus fünf Ländern mit einer Mission – ein gutes Leben in Deutschland (v. l.): Rahel Kapoor (19, Afghanistan), Barbara Maškarin (19, Kroatien), Mehran Abedi (18, Afghanistan),

Sechs Jugendliche aus fünf Ländern mit einer Mission – ein gutes Leben in Deutschland (v. l.): Rahel Kapoor (19, Afghanistan), Barbara Maškarin (19, Kroatien), Mehran Abedi (18, Afghanistan),

Foto: Andreas Burgmayer

Wie Norderstedter Schüler das Abitur schaffen, obwohl sie noch vor sieben Jahren kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten.

Norderstedt.  Die Bundespolitik führt die Zuwanderungsdebatte und betont die Risiken und Probleme der Migration – und das deutlich lauter als die Chancen. Doch wer im bundesdeutschen Alltag an der Basis nach Erfolgsgeschichten der Integrationsarbeit sucht, der wird fündig. Zum Beispiel im Deutsch-als-Zweitsprache-Zentrum (DaZ) in Norderstedt.

Dort, im Gebäude der Ossenmoorpark-Gemeinschaftsschule am Aurikelstieg, sitzen gerade zwei Jungs, die von einem zum anderen Ohr grinsen. So schaut eben, wer sein Abitur-Zeugnis in der Tasche hat und nun voller Tatendrang in eine Zukunft voller Möglichkeiten blickt. Doch für Rahel Kapoor (19) und Patiphan Khongkhachat (21) ist die Hochschulreife viel mehr als ein Schulabschluss. Denn sie haben so unfassbar viel mehr geleistet dafür als ihre deutschen Schulkameraden. Denn Rahel aus Afghanistan und Patiphan aus Thailand sprachen bis vor etwa sieben Jahren noch kein Wort Deutsch.

„Fachlich war das ja nicht so das Problem“, sagt Rahel. „Zum Beispiel Mathe: Da machen wir in Afghanistan in tieferen Klassen den Stoff, den die Deutschen erst in Klasse 7 haben.“ Sein Kumpel Patiphan nickt. „Ist in Thailand nicht anders.“ Doch egal wie gut man in Mathe ist: Was bringt das, wenn man die Textaufgabe nicht lesen oder verstehen kann?

Dass beide nun an der Willy-Brandt-Gemeinschaftsschule ihr Abi mit den Hauptfächern Mathe und Chemie gemacht haben, hat viel mit ihrem Fleiß und ihrer Disziplin zu tun, aber eben auch mit Sabine Rutten und ihrem Team im DaZ-Zentrum. Hier lernten die beiden begleitend zum Regelunterricht über alle Klassenstufen hinweg die deutsche Sprache. Teilweise dann, wenn die deutschen Schüler Freizeit hatten oder Biologie-Unterricht. Aber am Ende so gut, dass sie mitreden und -denken konnten.

Seit 2003 gibt es das DaZ-Zentrum in der Stadt. 250 Kinder und Jugendliche besuchen es jährlich. „Manche sprechen kaum ein Wort Deutsch, wenn sie hierher kommen. Andere können sich mit wenigen Worten verständigen“, sagt Rutten. Sie kommen aus allen Ländern und Zusammenhängen. Aus Indien, Kasachstan, Kenia und aus der Türkei, aus Thailand, Griechenland, Polen, Italien, seit 2015 verstärkt aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Sie sind Flüchtlingskinder oder haben Eltern, die in Deutschland ein besseres Leben suchen. „Im Land und im Kreis gehen die Schülerzahlen zurück. Nicht aber in Norderstedt – hier steigen sie“, sagt Rutten. „Im August erwarten wir wieder Familiennachzug bei den Flüchtlingen.“ In 15 Jahren unterstützte das DaZ-Zentrum 1000 Schüler dabei, ihr Potenzial über die Sprachbarriere zu hieven und mindestens den mittleren Schulabschluss anzustreben. Dazu arbeitet das Zentrum nicht nur mit den Schulen und Lehrern eng zusammen, sondern auch mit den Eltern der Kinder.

Und dann ergeben sich eben für die Integrationsdebatte inspirierende Geschichten wie die von Rahel oder Patiphan. Im aktuellen Oberstufen-Jahrgang des DaZ-Zentrums strebt zum Beispiel Sude Kantarcioglu (18) das Abitur an. Als kleines Kind zog sie mit ihren Eltern aus Deutschland in die Türkei. „Aus geschäftlichen Gründen“, wie sie sagt. Jetzt lebt sie wieder in Norderstedt und will einen Abschluss mit Top-Durchschnitt schaffen. „Ich will Ärztin werden. Wer sich keine Ziele setzt, kann auch nichts dafür tun.“

Beeindruckend ist, wie Mehran Abedi (18) sein Schicksal meistert. Aus Afghanistan geflohen, Vater und Bruder verloren, kümmert er sich seit 2015 in Norderstedt um Mutter und die kleine Schwester. Er besucht die 11. Klasse in der Willy-Brandt-Schule. „Auch ich möchte einmal Arzt werden – und wenn das nicht klappt, suche ich mir den Plan B.“

Zurzeit ist sein größter Luxus ein eigenes Zimmer, in dem er in Ruhe lernen kann. Bisher lebte die Familie in Flüchtlingsunterkünften, seit neuestem in einer kleinen Wohnung.

Maksym Fedorenko (18) kam 2015 aus der Ukraine nach Norderstedt und sprach kaum Deutsch – und machte drei Jahre später die mittlere Reife mit einem Notenschnitt von 1,6. „Die Lehrerin wunderte sich, als ich mal die beste Deutsch-Arbeit der Klasse schrieb.“ Jetzt strebt er das Abitur an. Ebenso wie Barbara Maškarin (19), die mit ihren Eltern und exzellenten Noten aus Kroatien nach Norderstedt kam und nun am Lise-Meitner-Gymnasium ihre Schullaufbahn fortsetzt. Auch für sie ist nicht der Lernstoff das Problem, sondern nur die Sprache in der er formuliert ist.

Rahel Kapoor und Patiphan Khongkhachat bauen hingegen weiter an ihrem neuen Leben in Deutschland. Rahel möchte studieren. „Und dann würde ich gerne als Lehrer für Philosophie und Sport arbeiten.“ Patiphan will eine Ausbildung beginnen und seinen Lebensunterhalt als Ingenieur verdienen. Beide streben also in Berufe, in denen Deutschland gut qualifizierten und motivierten Nachwuchs gebrauchen kann. „Meine deutsche Staatsbürgerschaft“, sagt Rahel, „habe ich auch schon beantragt.“