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Eine alte Flaschenpost aus Bad Bramstedt

Dieser Zettel lag in der Flasche, doch die Adresse und die Telefonnummer in Bad Bramstedt stimmen nicht mehr

Dieser Zettel lag in der Flasche, doch die Adresse und die Telefonnummer in Bad Bramstedt stimmen nicht mehr

Foto: Christine Radtke

Die Rostockerin Christine Radtke findet im Schilf der Warnow eine alte Nachricht und macht sich auf die Suche nach der Absenderin.

Bad Bramstedt/Rostock.  Lara oder Sara? Gar nicht so einfach, den angegilbten Zettel zu entziffern. Immer wieder liest Christine Radtke die Zeilen, die offenbar ein Kind mit Bleistift geschrieben hat. Wie lange mag das her sein? Wo ist das Kind jetzt? Und wo hat es die Flasche mit dem Zettel ins Wasser geworfen – und auf welche Wege haben Wellen und Strömung die Nachricht getrieben?

Fragen über Fragen, die sich die Rostockerin Christine Radtke stellt. Monatelang versucht sie, die Absenderin ausfindig zu machen. Die Spuren führen nach Bad Bramstedt, doch die Geschichte ist kompliziert.

Ein warmer Wind weht aus Richtung Ostsee über die Warnow in das Herz von Rostock. Die Juristin Christine Radtke von der Rostocker Uni liebt das Revier, auf dem sie oft mit ihrem Damen-Drachenbootteam vom SV Breitling unterwegs ist oder mit Freunden paddelt. So wie an diesem schönen Frühsommertag im Mai 2017, als sie auf der Warnow an der 117 Meter hohen Petri-Kirche nahe der Mühlendammschleuse unterwegs ist.

Doch die Tour soll nicht nur Spaß machen. Die Freunde haben sich vorgenommen, Müll zu sammeln. Besonders im Schilf der beschaulichen Warnow sammelt sich Abfall und bleibt hängen.

Christine Radtke entdeckt eine kleine, schon grün überzogene Flasche. „Die hat schon Jahre im Wasser gelegen“, sagt sie zu Paddelfreund Kay. Dann entdeckt sie den Zettel hinter dem farbigen Glas – eine Flaschenpost. Noch heute erinnert sich die Rostockerin an diesen Moment. „Das war unheimlich aufregend und irgendwie auch romantisch“, sagt sie.

Der Zettel ist etwas zerknittert, aber die Kinderschrift ist immer noch gut zu entziffern. „Hallo ich bin Lara (oder Sara?) Kerste“, ist darauf zu lesen. „Das ist meine Flaschenpost.“ Die Absenderin hat eine Telefonnummer und ihre Adresse aufgeschrieben: 24576 Bad Bramstedt, Sommerstedter Straße 10.

Doch die Telefonnummer ist nicht mehr gültig, stellt Christine Radtke bei einem Anruf fest. Eine Postkarte an die Adresse kommt zurück. „Empfänger unbekannt“, steht darauf. Die Rostockerin beginnt zu forschen. „Ich wollte unbedingt der Absenderin mitteilen, dass ihre Post gefunden wurde und wissen, wie alt die Flaschenpost ist“, sagt sie.

Fest steht: Das Mädchen hat die Flaschenpost nach 1993 geschrieben, denn erst damals wurden in Deutschland fünfstellige Postleitzahlen eingeführt. Vermutlich ist Lara (oder Sara) schon eine junge erwachsene Frau und kein Kind mehr.

Die Stadtverwaltung in Bad Bramstedt hilft bei der Suche

„Ich habe selbst schon mal von der Fähre nach Tallinn eine Flaschenpost aufgegeben, die auf Bornholm von einer deutschen Englischlehrerin gefunden wurde“, berichtet die Rostockerin. „Susanne und ich schreiben uns jedes Jahr einmal ganz altmodisch einen Brief, meistens Weihnachten.“

Vielleicht führt eine über das soziale Netzwerk Facebook verbreitete Nachricht zum Erfolg. Christine Radtke schreibt am 24. Mai in ihrer Chronik von dem Fund auf der Warnow, stellt drei Fotos dazu und fügt hinzu: „Bitte teilen, vielleicht finden wir auf diesem Wege Lara! Danke!!!“ Die Resonanz ist riesig. Mehr als 15.000-mal wird der Post geteilt, fast 1600 Menschen liken den Beitrag und kommentieren ihn. Doch immer noch fehlt die heiße Spur, die zu Lara (oder Sara) führt. Christine Radtke forscht trotzdem weiter und findet in Bad Bramstedt einen Volker Kersten, der einen Süßwarenladen hat. „Seine Frau hat mir erzählt, dass sogar der Edeka in Bad Bramstedt Aushänge gemacht hat“, berichtet Christine Radtke. Auch der Radiosender RSH habe von der Flaschenpost und der Suche berichtet. „Die ganze Sache hat sich verselbstständigt – und es war schön, dass so viele Menschen die Story toll fanden und mitgefiebert haben“, sagt die Rostockerin. Doch die Identität des Mädchens bleibt ein Geheimnis. Eine Familie in Hamburg mit demselben Namen meldet sich nicht, eine Astronomiestudentin in München ist ebenfalls nicht die gesuchte Absenderin der Flaschenpost.

Einen weiteren Versuch, die Absenderin ausfindig zu machen, startet Bramstedts Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach – mit Erfolg. Das Einwohnermeldeamt im Rathaus findet in den Dokumenten eine Sara Kerste, sie ist heute 21 Jahre alt. Die Adresse passt, ist allerdings nicht mehr gültig. Vor vier Jahren ist die junge Frau von Bad Bramstedt nach Hamburg gezogen. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung nehmen Kontakt zu der Frau auf, die noch nichts von der Aufregung über ihre Flaschenpost mitbekommen hat. Sie schreibt Christine Radtke eine Mail, die Absenderin ist gefunden.

„Ich hätte nie gedacht, noch mal von der Flaschenpost zu hören“, sagt Sara. Damals, als achtjähriges Kind, habe sie den Zettel mit der Flasche in Rostock in die Warnow geworfen, als sie bei ihren Großeltern zu Gast war. Das war 2004. „Das Ende dieser Geschichte erstaunt mich immer noch.“ Mehr möchte sie über sich nicht erzählen.

„Flaschenpost – das ist sowas Wunderbares, ein kleines Abenteuer, fast ein bisschen Seefahrerromantik“, sagt Christine Radtke. Sie ist froh, endlich das Rätsel der Flaschenpost gelöst zu haben.