Schleswig-Holstein

Norderstedter Bücherei wird zur Vorreiterin im Norden

Mit der Bücherei-Karte in die offene Bücherei Glashütte – auch wenn Büchereileiterin Brigitte Kukies und ihr Team frei haben

Mit der Bücherei-Karte in die offene Bücherei Glashütte – auch wenn Büchereileiterin Brigitte Kukies und ihr Team frei haben

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Die Bücherei Glashütte erweitert ihre Öffnungszeiten: Künftig kann man bis 20 Uhr vorbeischauen – auch am Sonntag.

Norderstedt.  Das Pilotprojekt geht in die entscheidende Phase: Die Bücherei Glashütte ist jetzt von 8 bis 20 Uhr geöffnet, und das sieben Tage in der Woche. Mit diesen ausgedehnten Öffnungszeiten ist die Norderstedter Bücherei Vorreiter im Norden, die erste Bibliothek von 150 zwischen Flensburg und Norderstedt mit Nutzungszeiten wie im Einzelhandel. „In Schleswig-Holstein gibt es ähnliche Überlegungen inzwischen auch in anderen Städten und Gemeinden, und auch bundesweit wird unser Experiment beobachtet“, sagt Norderstedts Büchereichef Ingo Tschepe, der schon Info-Besuch aus Rheinland-Westfalen hatte. In Dänemark habe sich die offene Bücherei längst bewährt, und auch die Erfahrungen der Kollegen der Bücherhalle Finkenwerder, die 2014 als erste in Deutschland über die üblichen Zeiten hinaus als SB-Bibliothek gestartet ist, seien positiv.

84 Stunden in der Woche können die Norderstedter nun in der Bücherei Glashütte Bücher, DVDs, Spiele oder Hörbücher ausleihen, die meiste Zeit als Selbstbediener. Die Mitarbeiterinnen sind zu den gewohnten Zeiten ansprechbar, montags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 sowie von 14 bis 18 Uhr, sonnabends von 10 bis 13 Uhr.

Wer das Bildungsangebot außerhalb dieser Zeiten nutzen will, verfährt nach folgendem Prinzip: Mit der Büchereikarte können sich Interessierte in einer der vier Stadtbüchereien für die offene Bücherei registrieren lassen. Wird die Karte dann unter das Kartenlesegerät vor dem Eingang gehalten, öffnet sich die Tür. Über den Selbstverbucher können die Nutzer Medien ausleihen und zurückgeben. „Wichtig ist das korrekte Verbuchen, bei dem am Ende eine Ausleihfrist erscheint. Nicht vorschriftsmäßig ausgeliehene Medien lösen beim Verlassen der Bücherei einen Warnton aus“, sagt Tschepe, der in einem Flyer über die aktuelle Regelung informiert.

Für die Sicherheit sei gesorgt. Alle, die die Bücherei während der offenen Zeiten nutzen, werden mit Lesernummer registriert. Zudem werden die Räume mit Videokameras überwacht. Die Bilder werden nach sieben Tagen gelöscht und nur bei Bedarf, beispielsweise bei Sachschäden, von der Polizei ausgewertet. Bevor die Bibliothek um 20 Uhr schließt, werden die Nutzer per Durchsage aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Bleiben sie trotzdem, wird ein Wachdienst alarmiert, die Kosten tragen die Betroffenen.

Vor gut einem Jahr sind Tschepe und sein Team ins innovative Vorhaben gestartet. Ziel ist, dass alle, die gern lesen, ihrem Hobby auch und gerade dann nachgehen können, wenn es die Freizeit erlaubt. „Viele Berufstätige schaffen es nicht, bis 18 Uhr zu uns zu kommen“, sagt Tschepe, der gerade auch den Sonntag als Chance sieht, Menschen für die Bibliothek zu begeistern, die bisher wegen der eingeschränkten Öffnungszeiten passen mussten: Familien mit Kindern. „Gerade Väter haben jetzt die Möglichkeit, abseits von Alltagshektik in Ruhe durch die Bücherregale zu stöbern und mit ihren Kindern Bilderbücher anzusehen“, sagt Tschepe, der das Norderstedter Modell als zukunftsweisend sieht. Auch der damalige Oberbürgermeister und noch amtierende Präsident des Deutschen Bibliothekenverbandes, Hans-Joachim Grote, sprach vor einem Jahr von einem „Quantensprung für das Büchereiwesen“. In zehn Jahren seien die Büchereien nicht mehr nur Präsentationsorte von Medien, sondern Bürgerhäuser, in denen gelesen, gelernt und gelebt werde.

Dieser Trend zeigt sich schon: „Junge Leute treffen sich hier, weil es ruhig ist und die erforderlichen Medien zur Verfügung stehen, um für Schule oder Studium oder Deutsch zu lernen“, sagt Tschepe, der die Bücherei auch für Veranstaltungen wie Kindergeburtstage öffnen möchte.

Fünf bis acht Prozent nutzen die Zeiten

Nach einem Jahr offene Bücherei seien die Erfahrungen positiv. Schäden oder mutwillige Zerstörungen habe es nicht gegeben. Von den 1500 bis 1800 Kunden der Glashütter Bibliothek nutzten bisher fünf bis acht Prozent die Zeiten, in denen keine Mitarbeiter dort sind – ein Prozentsatz, der Luft nach oben biete, aber: „Unsere Nutzer müssen sich erst an die neuen Zeiten gewöhnen“, sagt der Bücherei-Chef, der das Glashütter Modell auf die kommunalen Büchereien im Rathaus, in Garstedt und in Friedrichsgabe erweitern möchte. „In Friedrichsgabe muss aber erst umgebaut werden“, sagt Tschepe.

In Garstedt wird die Bücherei zusammen mit der Volkshochschule ins neue Bildungshaus ziehen. „Und da laufen die Kurse ohnehin bis 22 Uhr“, sagt Tschepe. Er kann sich vorstellen, dass auch die Bücherei so lange zugänglich ist.