Norderstedt
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Forscher beobachten Entstehung von Gold

Professor Marcus Brüggen zeigt einen Goldring. Mithilfe von Radio-Teleskopen wie dem in Norderstedt haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sämtliches Gold auf der Erde beim Zusammenprall von Sternen entsteht

Professor Marcus Brüggen zeigt einen Goldring. Mithilfe von Radio-Teleskopen wie dem in Norderstedt haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sämtliches Gold auf der Erde beim Zusammenprall von Sternen entsteht

Foto: Burkhard Fuchs / HA

Das vor zwei Jahren auf einem Acker in Norderstedt installierte Radioteleskop beteiligt sich an der Suche nach Gravitationswellen.

Norderstedt.  Das Spektakel am Sternenhimmel war so großartig, dass es weltweit nicht nur Wissenschaftler begeistert hat. Erstmals konnte vor Kurzem von der Erde aus beobachtet werden, wie zwei Neutronensterne miteinander kollidierten. Diese Sternenexplosion konnte nicht mit bloßem Auge erkannt werden – dafür war sie mit 130 Millionen Lichtjahren viel zu weit entfernt. Doch Radio-Teleskope wie das, das seit zwei Jahren auf einem Acker am Harthagen in Norderstedt steht, machten den Knall der Sternenkollision und die Gravitationswellen, die sie auslöste, sichtbar. Dabei sei das Norderstedter Teleskop regelrecht „auf Gold gestoßen“, freut sich der Kosmologe Marcus Brüggen, der komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge gern und gekonnt für Laien nachvollziehbar erklärt.

Der Professor für Extragalaktische Astrophysik und Kosmologie an der Universität Hamburg leitet das Projekt jener sechs Stationen in Deutschland, darunter das in Norderstedt, die zum weltgrößten Radio-Teleskop gehören. Insgesamt sind es 100.000 Einzelantennen, die sich über sechs europäische Länder erstrecken und zusammen einen Durchmesser von 1000 Kilometern haben. Mit diesen 50 zusammengeschalteten Antennenanlagen, die sich Low Frequency Array (LOFAR) nennen und mit einem Großrechner im niederländischen Groningen verbunden sind, spüren die Astronomen in Europa seit zwei Jahren den Geheimnissen unseres Universums nach.

Im Falle der Neutronensterne sei dies nun gelungen, freut sich Professor Brüggen. Zunächst hatten Satelliten das Spektakel, das sich bereits im August in einer weit entfernten Galaxie abspielte, aufgezeichnet, erklärt der Astrophysiker. Das Besondere daran: Dabei führte der hochenergetische Ausbruch von Gammastrahlung, den die Sternenkollision auslöste, nicht nur zu einem Lichtblitz, erklärt Brüggen. „Wenn zwei solche Brummer miteinander kollidieren, dann bringt dies den Raum selbst zum Schwingen.“

Sterne sind nicht größer als Norderstedt

Diese Schwingungen werden Gravitationswellen genannt, die schon Albert Einstein vor 100 Jahren beschrieb, die aber erst seit Kurzem tatsächlich nachgewiesen worden sind – dafür gab es in diesem Jahr den Physik-Nobelpreis für drei US-Forscher.

Neutronensterne seien extreme Sterne, erläutert der Astrophysiker. Im Durchmesser seien sie kaum größer als die Stadt Norderstedt mit Durchmessern von etwa zehn Kilometern. „Aber sie wiegen so viel wie unsere Sonne“, erklärt Brüggen. „Damit sind diese Sterne so kompakt, dass ein Teelöffel von Neutronensternen-Materie schwerer wäre als die gesamte Menschheit zusammen.“

Bei der Explosion werden viele Elemente erzeugt

Wenn also zwei so massige Sterne im Weltall aufeinander prallen und miteinander verschmelzen, gehe das nicht lautlos und ohne Spuren vonstatten. Und danach suchten nun weltweit etwa 20 Teleskope den Weltraum ab. Auch LOFAR machte sich auf die Suche nach dem Nachleuchten der verunglückten Neutronensterne und wurde fündig.

Das Ergebnis dieser Himmelsbeobachtung ist wissenschaftlich von großer Bedeutung – „ein Durchbruch“, wie Brüggen sagt. „Die Beobachtungen zeigten, dass bei dieser Explosion eine große Menge wichtiger Elemente erzeugt worden sind“, betont Brüggen. So seien innerhalb von Sekunden mehr als zehn Mondmassen von reinstem Gold entstanden. Brüggen: „Dank dieser Entdeckung wissen wir nun, dass alles Gold, das wir zum Beispiel als Schmuck tragen, ursprünglich aus Neutronensternen stammt.“ Das gesamte Goldvorkommen auf der Erde – Experten sprechen bislang von einer geförderten Menge von etwa 180.000 Tonnen Gold, die zusammen fünf Billionen Euro wert sein würden – sei auf solche Crashs von Neutronensternen zurückzuführen, erklärt Professor Brüggen. „Alleine dafür hat sich unser Radioteleskop schon gelohnt.“