Norderstedt
Kreis Segeberg

Damit die Tiere sicher über die A 7 kommen

Die Grünbrücke über die Autobahn 7 bei Brokenlande. Das Bauwerk kostet etwa fünf Millionen Euro; im kommenden Jahr soll es fertiggestellt sein

Die Grünbrücke über die Autobahn 7 bei Brokenlande. Das Bauwerk kostet etwa fünf Millionen Euro; im kommenden Jahr soll es fertiggestellt sein

Foto: Casten Bernot Luftbildwerk.de

Am Parkplatz Brokenlande und südlich der Anschlussstelle Bad Bramstedt werden zwei 63 Meter breite Grünbrücken gebaut.

Kreis Segeberg.  Die Rehe warten schon. Sie können die Eröffnung der Grünbrücke über die A 7 bei Brokenlande gar nicht erwarten. Das zumindest legen Bilder nahe, die von Wildkameras direkt an der Brücke geschossen wurden. Im Mai zum Beispiel liefen eine Ricke und ihr Kitz an der Kamera vorbei, um dann im direkten Sichtfeld der Kamera zu äsen. Danach mussten sie umkehren, denn der Weg über die Autobahn ist für das Wild verschlossen. Noch. Unweit des Standorts der Wildkamera, die die Szene festgehalten hat, können Tiere künftig die sechsspurige Autobahn überqueren. Im kommenden Jahr wird es so weit sein. Bis dahin muss die Grünbrücke noch ihre endgültige Gestalt bekommen, muss Boden angehäuft und müssen Pflanzen gesetzt werden.

Die Autobahn zerschneidet die Lebensräume vieler Tierarten

Mathias Mey begleitet den Bau der Grünbrücke und den ganzen Ausbau der A 7 als Umweltbeauftragter. Die vielen Maßnahmen zum Schutz der Natur, die im sogenannten Planfeststellungsverfahren festgelegt worden sind, hat er zu koordinieren. Deswegen kümmert er sich auch um die beiden 63 Meter breiten Grünbrücken, die künftig direkt am Parkplatz Brokenlande und südlich der Anschlussstelle Bad Bramstedt über die Autobahn führen sollen. „Das sind die besten Stellen, um die Lebensräume der Tiere wieder zu verbinden“, sagt er. Als die Autobahn Ende der 60er-Jahre gebaut wurde, zerschnitt sie Lebensräume vieler Tierarten. Nun sollen sie wieder zusammengeführt werden. Wenn die Tiere wollen.

„Im Vorfeld gab es Untersuchungen, wo die Tiere am ehesten die Autobahn überwinden werden“, sagt Mey. Und dass die Orte nicht schlecht gewählt worden seien, das zeigten auch die Fotos der Wildkameras. Auf ihnen waren nicht nur Rehe, sondern auch schon Hirsche und Mäuse zu sehen. „Es wird drei verschiedene Oberflächen geben, sodass sämtliche Tierarten die Brücke nutzen können“, sagt Mey. Sowohl kleine Tiere wie Lurche und Käfer, als auch größere wie Füchse, Rehe und Hirsche können künftig gefahrlos die Straßenseite wechseln. Dafür werden, wenn die Böden fertig aufgebracht sind, Büsche angepflanzt, Findlinge und Baumstämme gesetzt. „Es wird versucht, die Natur zu imitieren“, erklärt Mey.

Viel Material kommt dabei aus der Baustelle selber. „Wir sind angehalten, das Material zu recyceln“, sagt Florian Zettel vom Baukonsortium Via Solution Nord, das den A-7-Ausbau durchführt. „Der Beton und der Asphalt sowie Boden, den wir rausholen, werden wieder eingebaut.“ Das gilt auch für die großen Haufen Sand und Erde, die neben und auf der Brücke liegen. „Wenn im Baufeld Boden anfällt, dann wird er bei Eignung hierher gebracht“, sagt der Umweltbeauftragte Mey und schaut in Richtung Osten. Dort, in unmittelbarer Nähe zum Rastplatz Brokenlande, wurden Bäume gepflanzt und Wege angelegt. „Die Schneisen sollen den Tieren helfen“, sagt Mey. Ob es klappt, müsse man sehen.

„Die Natur sucht sich ihre Wege meist selbst“, sagt er. Die Grünbrücken sind allerdings ein Wegweiser für das Wild. Damit es auch nur diese nutzt und nicht an anderer Stelle auf die Straße läuft, ist die Autobahn vom Dreieck Bordesholm bis zur Hamburger Landesgrenze mit einem Wildzaun eingehegt. Nur an den Grünbrücken wird es künftig Lücken geben. Mit ihnen hört aber der Naturschutz an der Autobahn nicht auf. Mathias Mey steigt ins Auto, und es geht in Richtung Süden. Einige Kilometer südlich von Großenaspe zeigt er auf den Wildschutzzaun, der mit Draht verstärkt wurde. „Das ist ein Otterleitzaun“, erläutert er. „Sollte der Otter vom Ufer abschweifen, sorgt der Zaun dafür, dass er nicht durch den grobmaschigen Zaun auf die Straße läuft.“ Wenige Hundert Meter weiter in Richtung Hamburg sind hohe Zäune zu sehen. „Das sind Fledermausüberflughilfen“, sagt Mey. Ob sie wirklich dabei helfen, dass die Fledermäuse sicher über die Autobahn kommen, werde die Zukunft zeigen.

Auf der Strecke gibt es auch Fledermausüberflughilfen

Kurz nach dem Ende der bereits fertigen Strecke zwischen Großenaspe und Bad Bramstedt lenkt Mey dann seinen Wagen durch eine Lücke des Bauzauns auf die Baustelle und bleibt vor einer mindestens zweieinhalb Meter hohen Hecke aus Hainbuchenpflanzen stehen. „Sie sollen das FFH-Gebiet der Osterau schützen“, sagt Mey, also nach EU-Recht besonders geschützte Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Die Au fließt hier auf Höhe Bimöhlen direkt neben der Autobahn und steht unter strengem Naturschutz. Die hohen Hecken sorgen dafür, dass Staub, Salz, Fracht und Gischt nicht ins Gewässer spritzen. Neben den Hecken steht eine Schallschutzwand, ein paar Meter weiter ist eine Lücke. Von hier geht es hinunter zur Querung der Au. „Als die alte Brücke abgerissen wurde, stand der Bagger auf Baggermatratzen auf einem Schutzgerüst über der Au“, sagt Mey. Und bevor überhaupt mit dem Bau angefangen wurde, holte ein Limnologe, ein Experte für Binnengewässer, die fischartigen Neunaugen aus der Au, die hier unter der Autobahn normalerweise im Wasser leben.

Wie in diesem Fall ist der Umweltbeauftragte vor dem Beginn von vielen Baumaßnahmen im Zuge des komplexen Ausbaus der A 7 gefragt. Ob es um brütende Vögel in Bäumen geht, die gefällt werden sollen, ob um Fische, Haselmäuse oder die Umsiedlung von Ameisen. Der Diplomingenieur für Landschaftspflege muss immer konsultiert werden. Für seinen Job müsse man sich halbwegs in Brehms Tierleben auskennen und auch die Pflanzen kennen. Bei speziellen Themen wie beispielsweise Fledermäusen ziehe er dann Experten zu Rate. Eine Großbaustelle wie der Ausbau der A 7 erlebt auch er nicht alle Tage. Und zwei Grünbrücken, die laut Bauträger Deges je fünf Millionen Euro kosten werden, schon gar nicht. Die Summe, das Mehrfache einer normalen Brücke für Autos, klingt gewaltig. Für Mathias Mey ist der Bau der Brücken aber in jedem Fall gerechtfertigt: „Damit werden Sünden der Vergangenheit wieder gutgemacht.“