Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Sie kämpfen gegen Supermarkt-Riese Rewe

Foto: Christopher Herbst / HA

Bürgerinitiative will in Henstedt-Ulzburg eine radikale Neuausrichtung der Gewerbepolitik erzwingen. Neues Bürgerbegehren möglich.

Henstedt-Ulzburg.  Ein „Weiter so“ darf es nicht geben. Das sagen drei Männer, die Henstedt-Ulzburgs Entwicklung nachhaltig beeinflussen wollen. Benno Colmorgen, Ronald Finsterbusch, Jürgen Dudas – sie sind die Gründer einer neuen Bürgerinitiative, die nur eines will: Weniger Gewerbe, und wenn überhaupt, kleinere Betriebe. Um das zu erreichen, wird ein weiteres Bürgerbegehren in der Großgemeinde stattfinden. Dessen Ziel ist eine radikale Neuausrichtung: Bis 2030 sollen maximal 20 Hektar Fläche mit Gewerbe bebaut werden, und eine Ansiedlung darf auf höchstens fünf Hektar erfolgen, dazu möglichst mit wenig Verkehrsaufkommen verbunden sein.

Initiative beklagt fehlendes Entwicklungskonzept

Für die geplante größte Ansiedlung in der Ortsgeschichte, die Regionalzentrale des Handelskonzerns Rewe mit Logistik- und Schulungszentrum, wäre ein Erfolg der Stimmensammlung, also im zweiten Schritt auch eines Bürgerentscheides, das Aus. Man sei nicht „direkt gegen Rewe“, sagen die Initiatoren. Und doch ist es dieses Großprojekt, das sie zum Handeln verleitet hat. „Ich war im letzten Finanz- und Wirtschaftsausschuss, als das jüngste Gutachten vorgestellt wurde – und habe gedacht, das kann nicht wahr sein“, sagt Benno Colmorgen. „Es geht uns um die gesamte Gemeindeentwicklung. Wo wollen wir hin?“

Die Frage beschäftigt viele Hen­stedt-Ulzburger. Ist der Ort eine Pendlergemeinde, in der die Menschen leben wollen, aber nicht arbeiten, oder soll langfristig ein Gewerbestandort mit vielen Hundert neuen Jobs entstehen? Vereinbar sind die Diskussionsstränge nur bedingt. „Ein avisiertes integriertes Gemeindeentwicklungskonzept mit Bürgerbeteiligung liegt nicht vor, da passiert nichts“, sagt Ronald Finsterbusch. „So etwas wie Rewe hat nicht nur auf uns, sondern auch auf künftige Generationen Auswirkungen.“ Der Bürgerdialog mit Rewe im Februar genügte nicht. „Einige Sachen sind noch offen, das ist eine Salamitaktik.“

Im Gewerbegebiet entlang dem Autobahnzubringer gibt es fast 90 Hektar Freifläche – ein Drittel hiervon soll nach Wunsch der Verwaltung und der politischen Mehrheit an Rewe verkauft werden. „Das Hauptproblem wurde immer angesprochen: Verkehr, Verkehr, Verkehr“, sagt Finsterbusch. „Jahrzehnte wurde über eine Umgehungsstraße gesprochen, die Politik konnte sich aber nicht einigen.“ Dieses Thema hat sich mittlerweile so gut wie erledigt, an den Ortsrändern kann eine Tangente nicht mehr realisiert werden.

Rewe, das bedeutet aus Sicht der Bürgerinitiative nicht zuerst 900 Arbeitsplätze und Imagegewinn für Henstedt-Ulzburg, sondern: 888 Lkw-Fahrten pro Tag, davon ein Teil quer durch den Ort. Ob die Zahl sogar höher sein könnte, ist spekulativ. Was Dudas, Finsterbusch und Colmorgen bemängeln: Es gibt weder Verkehrsuntersuchungen für den südlichen Bereich der Hamburger Straße noch eine Kostenanalyse für die Abnutzung der Straßen. Ihr Vorwurf: Die Gemeinde entwickelt zwar ein Gewerbegebiet, schafft aber nicht die nötigen Voraussetzungen, damit der Verkehr gelenkt werden kann. Bisher ist nur klar, dass der Knotenpunkt Hamburger Straße/Gutenbergstraße/Ulzburger Straße ausgebaut werden muss – Rewe würde einen großen Anteil davon übernehmen.

Die Absprache mit der Kommunalaufsicht läuft

Ob es überhaupt soweit kommt, könnte die Bevölkerung entscheiden. 1803 Unterschriften wären nötig für ein erfolgreiches Bürgerbegehren, bei einem Bürgerentscheid ist das Quorum doppelt so hoch. Die exakte Fragestellung steht allerdings noch nicht fest, hierüber befindet die Kommunalaufsicht, die grundsätzlich aber bereits signalisiert hat, dass ein Begehren möglich ist.

Inwieweit sich die Politik einklinkt, wird sich zeigen. Zuletzt hatte die WHU geschlossen gegen die Rewe-Ansiedlung votiert, zudem auch die Mehrheit der BfB-Gemeindevertreter. „Wir wollen unabhängig bleiben, wollen keine Kooperation mit Parteien“, stellt Benno Colmorgen klar. Privat ist sein Engagement übrigens ein Balanceakt, denn seine Frau Heidi ist SPD-Fraktionsmitglied, stimmte für die Rewe-Pläne. „Meine Frau findet das in Ordnung, was ich mache, das heißt aber nicht, dass sie mir zustimmt.“