Norderstedt
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Diese Exil-Briten fürchten den Brexit

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Vor dem EU-Referendum: Briten in Norderstedt beantragen die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie fürchten um sicheren Aufenthaltsstatus.

Norderstedt.  Leave or remain – verlassen oder drin bleiben. Die Briten stellen sich am heutigen Donnerstag beim Referendum über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union die Schicksalsfrage. Das Königreich ist gespalten, die Stimmung unter den scheinbar unversöhnlichen Lagern vergiftet.

Für die Britin Diana Loos (69) aus Norderstedt ist vor allem die Ohnmacht eine Qual. „Ich lebe seit 40 Jahren in Deutschland – zu lange, um in Großbritannien über diese wichtige Frage abstimmen zu dürfen.“ Britische Staatsangehörige, die länger als 15 Jahre die Insel verlassen haben, verlieren ihr Stimmrecht in der Heimat. Doch der mögliche Brexit bewegt die Exil-Britin Diana Loos nicht weniger als jeden anderen ihrer Landsleute auf der Insel. Und jene, die in Deutschland eine zweite Heimat gefunden haben: Etwa 106.000 sind es laut Ausländerzentralregister in Deutschland. In Norderstedt ist Diana Loos eine von 116 Briten (Erhebung von 2009). „Diese Abstimmung ist ganz schrecklich überflüssig. Man darf diese wichtige Frage nicht dem Votum der Menschen überlassen. Sie muss von der Politik beantwortet werden“, sagt Loos.

Als überzeugte Europäerin und Britin habe sie bislang nicht darüber nachgedacht, ihren britischen Pass für den deutschen aufzugeben. Nun aber will sie die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen. Schon allein, um im Falle eines Brexits einen sicheren Aufenthaltsstatus zu haben. Denn der britische EU-Austritt würde sie zur Nicht-EU-Ausländerin machen, mit möglichen Folgen für das Bleiberecht und die Arbeitserlaubnis in Deutschland.

Die Ausländerbehörde des Kreises Segeberg verzeichnet einen Trend unter Briten im Kreis zur doppelten Staatsbürgerschaft. Waren es 2014 nur drei Briten, die sie beantragten, so stieg die Zahl 2015 auf sieben Anträge – und allein 2016 kamen vier weitere dazu.

Norderstedter kennen Diana Loos als Dozentin der Volkshochschule oder bei der evangelischen Familienbildungsstätte. Die ausgebildete Opernregisseurin, die seit vier Jahren in Norderstedt lebt, wuchs in Winchester im Süden Englands auf. „Mein Vater war bei der britischen Armee in Wuppertal stationiert und erlebte die Entnazifizierung mit. Er vermittelte uns ein ganz anderes, positiveres Bild der Deutschen“, sagt Diana Loos.

Auf der Suche nach Engagements an deutschen Opern- oder Theaterhäusern zog es Diana Loos 1970 das erste Mal nach Deutschland. „Da erkannte ich, worum es geht in der Welt. Ich stand in der Nähe von Fulda an der ,Zonengrenze‘, ich habe die Mauer in Berlin gesehen. Menschen auf einer Insel, umgeben von Wasser, können sich das nicht vorstellen.“ Ein grenzenloses Europa ist für Loos ohne Alternative. „Die Engländer wollen den Austritt. Es ist der letzte Versuch, das Empire aufleben zu lassen.“ Sie habe Freunde in der Grafschaft Essex, in der 70 Prozent für den Brexit sind. „Die fühlen sich dort nicht mehr wohl in ihrer Nachbarschaft.“

Doppelte Staatsbürgerschaft als Akt des Protestes

Mit dem Makel, das Kind einer deutschen Mutter zu sein, wuchs Margaret Peetz in Fareham im Südosten Englands auf. „Deswegen habe ich auch ein Problem mit Nationalismus und bin für die europäische Idee.“

Als ihr Vater starb, wollte die Mutter 1987 zurück nach Deutschland. „Ich ging mit für die ersten Wochen – und blieb bis heute hängen.“ Die 56-Jährige gibt an der Norderstedter VHS unter anderem Kurse für das Cambridge First Certificate in Englisch. „Die aggressive, abstoßende Art der Diskussion in Großbritannien um den Brexit und die Tatsache, dass ich keine Stimme dazu habe, hat mich zu einem Akt des Protestes bewogen“, sagt Peetz. All die Jahre sei sie ihrer Heimat treu geblieben. Jetzt habe sie die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt. Den deutschen Einbürgerungstest habe sie mit 100 Prozent bestanden. „Ich liebe die Freiheit in Deutschland und in Europa. Aber auf der Insel herrscht nun ein gesellschaftliches Klima wie in jenem alten Witz: Nebel im Kanal – Kontinent ist abgeschnitten.“

Städtepartnerschaft ist derzeit faktisch tot

Abgeschnitten ist auch der Verbindungsfaden zwischen Norderstedt und seiner englischen Twin Town Oadby-and-Wigston. Die 1977 geschlossene Städtepartnerschaft ist derzeit faktisch tot. Auch in dem Borough im Großraum Leicester wütet die Leave-Remain-Diskussion. Der konservative Parlamentsabgeordnete des Verwaltungsbezirkes, Edward Garnier, geboren in Wuppertal, kämpft mit Vehemenz für den Verbleib in der EU. „Wenn wir drin bleiben, werden wir sicherer, stärker und besser leben als wenn wir die EU verlassen. Ich fordere Sie auf, für den Verbleib in der EU zu stimmen!“