Norderstedt
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Der Fluglärm macht Garstedter krank

Hans Schwarz, Vorsitzender der Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz (NIG) auf dem Aussichtspunkt unter der Flugbahn des Flughafen Hamburg

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Hans Schwarz, Vorsitzender der Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz (NIG) auf dem Aussichtspunkt unter der Flugbahn des Flughafen Hamburg

Und wie viele Menschen sind betroffen? Fluglärmgegner fordern Studie zu gesundheitlichen Folgen der Lärmbelastung durch Flugverkehr.

Norderstedt.  Die BAW, die Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein, fordert eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Fluglärm. "Wir brauchen verlässliche Daten und eine unabhängige Erhebung, wie viele Menschen in Hamburg und dem Umland tatsächlich von Fluglärm betroffen sind", sagt BAW-Sprecher Martin Mosel – eine Forderung, die die Norderstedter Initiative für Fluglärmschutz (NIG) begrüßt und unterstützt.

"Seit Jahren klagen Bewohner Garstedts darüber, dass sie der Lärm der Flugzeuge krank mache", sagt NIG-Chef Hans Schwarz. Besonders sensibel sei die Zeit nach 22 Uhr, wenn die Menschen einschlafen wollen oder gerade eingeschlafen sind. Wer dann durch den Krach über seinem Kopf immer wieder hochschrecke, der sei besonders anfällig für Herz- und Kreislauferkrankungen.

Lärm löst im Körper Stress aus

Schwarz verweist auf Untersuchungen des Umweltbundesamtes, wonach Lärm Stress im Körper auslöse. Der Organismus schütte Stresshormone aus, der Blutdruck steige, das Herz schlage schneller. Eine Studie der Behörde ergab, dass nächtlicher Fluglärm die Gefahr für Bluthochdruck um 14 Prozent erhöhe. Da die Ohren nachts empfindlicher auf Geräusche reagieren, warnen Experten, dass nachts schon Lärmpegel ab 40 Dezibel der Gesundheit schaden können.

Viele hätten zudem Angst vor Gesundheitsschäden durch Feinstaub, den die Maschinen ausstoßen, sagt der NIG-Chef. Schwarz verweist auf Untersuchungen rund um den Flughafen Wien. Danach seien Feinstaubemissionen besonders krebserregend. "Und da sind wir in Garstedt doppelt gebeutelt: zum einen durch den regen Flugverkehr über unseren Köpfen, zum anderen durch die langen Fahrzeugstaus auf der Niendorfer Straße", sagt Schwarz. Ganz aktuell berichtet die Ärzte-Zeitung darüber, dass Feinstaub das Herzinfarktrisiko "wohl doch" erhöhen könnte und die Grenzwerte möglicherweise zu niedrig angesetzt seien.

Messungen bestätigen die Sorgen der Garstedter, dass sich der Feinstaub, den die Flugzeuge ausstoßen, am Boden konzentriert, allerdings nicht. Laut aktuellem Schadstoffbericht des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums wird die erlaubte Feinstaub-Konzentration nirgendwo im Land überschritten. Fraglich ist auch, ob der Flugverkehr die Bodenluft überhaupt verschmutzt, Analysen aus dem letzten Jahr am Rhein-Main-Flughafen hatten dafür keine Beweise geliefert.

Aber genau das sind Fragen, auf die das von den Fluglärmgegnern geforderte Gutachten verlässliche Antworten geben soll. Als Vorbild soll die Studie "Risikofaktor nächtlicher Fluglärm" des Bremer Fluglärm-Mediziners Professor Eberhard Greiser dienen. Greiser hatte im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn Millionen von Krankenversicherungsdaten von Flughafen-Anwohnern und Fluglärmdaten abgeglichen. Ergebnis: Das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen steigt ab einem Dauerschallpegel von 40 Dezibel (Ticken eines Weckers) an.

"So wie es ist, kann es nicht weitergehen"

Dieser Wert wird an den drei Norderstedter Messstellen zum Teil deutlich überschritten. Die letzten Zahlen, die der Hamburger Flughafen veröffentlicht hat, stammen von 2012. An der Messstelle Ohlenhoff wurde der Spitzenwert von 59 Dezibel ermittelt, 51,5 Dezibel waren es am alten Garstedter Rathaus an der Ochsenzoller Straße, 44 Dezibel an der Grundschule Harkshörn.

BAW-Sprecher Mosel weist daraufhin, dass mithilfe einer solchen Studie der wirtschaftliche Nutzen des Flughafens den volkswirtschaftlichen Kosten durch fluglärmbedingte Gesundheitsschädigungen gegenübergestellt werden könne. "Solche Daten tragen auch dazu bei, dass der Fluglärmstreit mehr Objektivität bekommt", sagt der BAW-Sprecher. Er schätzt die durch Fluglärm verursachten Gesundheitskosten zu Lasten der Allgemeinheit auf mehr als 25 Millionen Euro pro Jahr.

Für Mosel ist klar: "So wie es ist, kann es nicht weitergehen." Der von der Verfassung geschützte Anspruch auf gesundheitliche Unversehrtheit könne nur mit einem Nachtflugverbot durchgesetzt werden.

"Und dieser Anspruch eint die Fluglärmschutzinitiativen in ihrer Forderung nach einem Flugverbot und Ruhe von 22 bis 6 Uhr", sagt Mosel mit Blick darauf, dass das Problem nicht gelöst werden dürfe, indem der Fluglärm vom Hamburger Osten, wo die BAW ihre Wurzeln hat, in den Nordwesten verschoben wird.

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