Norderstedt
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„Die CDU braucht mehr Offenheit“

Das fordert Katja Rathje-Hoffmann. Die Norderstedter Landtagsabgeordnete arbeitet in der Zukunftskommission mit

Norderstedt. „Offenheit und das Gespräch mit den Menschen suchen – das ist unser Markenkern.“ So pragmatisch und bürgernah definiert eine Frau das künftige Gesicht der CDU, die darüber mitentscheidet, wie sich die Partei künftig präsentiert und die Bundestagswahl im Jahr 2017 für sich entscheiden will. Katja Rathje-Hoffmann wurde in die Zukunftskommission berufen, die sich ganz offiziell mit dem Parteiprofil der nächsten Jahre beschäftigt. Die Segeberger Landtagsabgeordnete ist neben dem parlamentarischen Geschäftsführer der Nord-Union, Sven Müller, der von Amts wegen in das Gremium berufen wurde, die einzige Schleswig-Holsteinerin, die in Berlin auf höchster Ebene mitredet.

Hamburger Abendblatt:

Was bedeutet die Berufung für Sie?

Katja Rathje-Hoffmann:

Ich empfinde es als große Ehre, mit 40 anderen Christdemokraten aus dem gesamten Bundesgebiet an der Zukunft der Partei mitarbeiten zu dürfen. Als die Anfrage von Staatsministerin Böhmer kam, habe ich einen Tag überlegt, da ich ohnehin schon ein prall gefülltes Programm habe, dann aber natürlich zugesagt. Ich sehe die Teilnahme als einmalige Chance.

Warum wurden Sie berufen?

Rathje-Hoffmann:

Ausschlaggebend war mein Amt als Landesvorsitzende der Frauen-Union. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, mehr Frauen in die Politik und in verantwortliche politische Positionen zu bringen. Die CDU wird von 55 Prozent der Frauen gewählt, aber nur 27 Prozent der Mitglieder sind weiblich. Das ist ein Missverhältnis, und ich möchte dazu beitragen, dass sich das ändert. Ich sehe da noch ein enormes Potenzial. Um das auszuschöpfen, brauchen wir weiter das Frauen-Quorum, wonach ein Drittel der Parteiämter mit Frauen besetzt sein soll, auch wenn einige jüngere das ablehnen und sagen, sie schaffen das aus eigener Kraft.

Was unterscheidet „weibliche“ von „männlicher“ Politik?

Rathje-Hoffmann:

Frauen sind kommunikativer und offener, da wird nicht so viel gekungelt, was ich leider selbst oft genug noch erlebe. Solche Kungelrunden passen genauso wenig in die Zeit wie Erbhöfe. Die CDU muss die Parteiarbeit öffnen und Ämter nach Qualifikation besetzen. Politik muss transparent sein, um nicht weitere Wähler zu verprellen und das ohnehin schlechte Image nicht noch weiter zu beschädigen.

Die CDU hat von allen Parteien bei der letzten Wahl die meisten Stimmen der 18- bis 32-Jährigen bekommen. Inwieweit bildet die Partei die Lebenswirklichkeit dieser Gruppe ab?

Rathje-Hoffmann:

Da gibt es in der Tat eine Diskrepanz, denn der Altersschnitt unserer Mitglieder liegt bei 59 Jahren. Das heißt: Wir müssen den Spagat schaffen, die Jungen zu begeistern, ohne die Älteren zu verprellen. In jedem Fall müssen wir neue Veranstaltungsformen finden, raus aus den Hinterzimmern von Kneipen und Restaurants und dahin, wo die jeweilige Zielgruppe ist. Wenn wir Schulthemen haben, sollten wir in die Schulen gehen oder in Mehrgenerationenhäusern über künftige Wohnformen sprechen. Wir müssen darauf reagieren, dass sich Menschen nicht mehr langfristig an eine Partei binden wollen, sondern sich themen- und projektbezogen engagieren. Wie das genau aussehen kann, werden wir noch diskutieren.

Auch wenn immer mehr Menschen sich nicht parteipolitisch binden wollen, muss die CDU neue Mitglieder werben und die alten halten. Welche Vorschläge liegen dazu auf dem Tisch?

Rathje-Hoffmann:

Wir müssen die Präsenz erhöhen, dürfen uns den Menschen nicht nur im Wahlkampf zeigen. Wenn wir wie in Norderstedt Schultüten verschenken oder im Herold-Center Punsch ausschenken, zeigen wir nicht nur, dass wir da sind, wir kommen auch mit den Menschen ins Gespräch. Die CDU braucht mehr Angebote für junge Frauen und Zugewanderte. Da schlummern wahre Schätze, die wir heben sollten. Neue Mitglieder müssen besser betreut werden, beispielsweise durch Patenschaften mit erfahrenen Mitgliedern. Der Mehrwert einer Mitgliedschaft, die Information und die Mitbestimmung, müssen wir stärker herausstellen und die Mitglieder mehr in die politische Arbeit einbeziehen, zum Beispiel durch Befragungen zu wesentlichen Themen.

Stichwort Markenkern. Die „Rebellen“, gut 50 Nachwuchspolitiker, die sich im „Netzwerk CDU 2017“ zusammengeschlossen haben, kritisieren, dass die CDU zu soziallastig geworden sei und wieder ein stärker wirtschaftlich orientiertes Profil brauche. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Rathje-Hoffmann:

Das ist für mich eine eher theoretische Diskussion. Unsere Gesellschaft braucht beides. Erst eine starke Wirtschaft schafft die finanziellen Spielräume für soziales Handeln. Mit den Investitionen in die Infrastruktur, allein eine halbe Milliarde Euro für den Ausbau der Digitalisierung, zeigt die CDU durchaus ihren wirtschaftlichen Markenkern. Nur geht es aber nicht mehr wie nach dem Zweiten Weltkrieg allein darum. Zum modernen Leben gehören genauso die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Pflege einer wachsenden Zahl von alten Menschen und, ganz aktuell, die Finanzierung von Frauenhäusern. Das sind eher meine Themen, als Sozialpolitikerin wird man ja in der CDU gern mal in die linke Ecke gestellt. Um so mehr freut es mich, dass man jetzt auf Bundesebene auf meine Meinung Wert legt.

Welchen Markenkern setzen Sie also dem wirtschaftlichen Markenkern des „Netzwerks CDU 2017“ entgegen?

Rathje-Hoffmann:

Offenheit und das Gespräch mit den Menschen suchen – das ist unser Markenkern. Wir müssen viel näher an die Menschen ran. Das gilt auch für die Landtagsabgeordneten, schließlich sind wir als Politiker für die Menschen da. Nur wenn wir wissen, was die Menschen bedrückt, können wir vernünftige Entscheidungen treffen, die auch auf Akzeptanz bei den Bürgern stoßen.

Wie haben Sie das erste Treffen der Zukunftskommission in Berlin empfunden?

Rathje-Hoffmann:

Es waren sehr positive und konstruktive Gespräche. Ich habe bei allen Teilnehmern die Lust und den Willen gespürt, die CDU zukunftsfähig zu machen. Wir haben viele Fragen formuliert, auf die wir in den nächsten Sitzungen Antworten finden wollen.

Wie geht es jetzt weiter?

Rathje-Hoffmann:

Der Zeitplan ist ehrgeizig. Anfang des Jahres soll sich die Zukunftskommission wieder zusammensetzen. Bis zum Bundesparteitag im Dezember 2015 wird sich die Kommission noch fünfmal treffen. Die Ergebnisse sollen auf dem Parteitag diskutiert werden und in das Zukunftsprogramm einfließen.