Schröters Wochenschau

Höflichkeit kann auch zu gefährlichen Situationen führen

Unerhörterweise gibt es immer wieder schwarze Schafe unter den Autofahrern, die an der Marommer Straße bremsen, um einen Fußgänger oder Radler über die Straße zu lassen.

Manchmal blättert man sich durch seine Zeitung und bleibt an einer kleinen Meldung hängen, die einen für den Rest des Tages beschäftigt. Manchmal genügt dafür sogar nur ein einziger Satz. Bei mir war es am letzten Donnerstag wieder soweit. Unser Hamburger Abendblatt, Lokalteil Norderstedt, bannte mich mit einem kleinen Beitrag unter folgender Überschrift: „Beinahe-Unfälle auf der Marommer Straße wegen Höflichkeit“.

Der Sachverhalt: An besagter Stelle kreuzt ein Fuß- und Radweg die belebte Straße. Es gibt vor Ort keinen Zebrastreifen, sondern lediglich eine sogenannte Querungshilfe, die Fußgängern und Radlern keine Vorfahrt garantiert. Dieses Vorfahrtrecht nimmt sich deshalb hier zumeist – frei nach Paragraf 1 GdD (Gesetz des Dschungels) – der Stärkere, sprich: der auf der Marommer Straße verkehrende Automobilist in seiner stabilen Blechkarrosse. Unerhörterweise gibt es immer wieder schwarze Schafe unter den Autofahrern, die an dieser Querung doch tatsächlich einfach mal bremsen, um einen Fußgänger oder Radler über die Straße zu lassen. Aus Höflichkeit! Mehrfach, so berichten Augenzeugen, lag deswegen schon die tragische Katastrophe eines Auffahrunfalles inklusive Lack- oder gar Blechschadens an teuren Statussymbolen in der Luft. Denn der versierte Straßenverkehrsteilnehmer von heute ist zwar auf mannigfaltige Gefahrensituationen vom Schlaglochslalom bis zur Vollbremsung vorm Blitzkasten geeicht – aber mit Höflichkeit rechnet nun echt niemand. Höflichkeit ist gemeingefährlich. Die sollte verboten werden, zumindest im Straßenverkehr. Wo kommen wir da hin, wenn dergleichen Schule macht? Am Ende grüßen sich wildfremde Leute und wünschen einander einen guten Tag – das ist doch peinlich. Und wenn alle nett sind, weiß nachher keiner mehr, wer zuerst über die Straße darf. Dann stehen sie in alle Richtungen im Stau – Radler, Fußgänger, Autofahrer. Machen Dienerchen und fordern jovial winkend den Anderen zum Vortritt auf – und der dienert und winkt zurück.

Dabei könnte doch alles ganz einfach sein, siehe Gesetz des Dschungels. Paragraf 2 GdD formulierte übrigens neulich sehr griffig ein junger Vater an der Ampel, der sich zu seinem im Buggy sitzenden Söhnchen hinab beugte und ihm erklärte: „Siehste – das ist ein Benz. Der hat immer Vorfahrt!“ Siehste. Geht doch.