Norderstedt
Bad Segeberg

Wohin mit Otto Flath?

Segebergs Bürgermeister will das Erbe verkaufen, Stiftungsbeirat und Künstler sind empört. Ein Mediator soll helfen

Bad Segeberg. Dieter Schönfeld ist in der Zwickmühle. Segebergs Bürgermeister muss einerseits die Finanzen der Kreis- und Kurstadt hüten, denn die ist chronisch pleite. Andererseits ist er als Stiftungsvorstand der Otto-Flath-Stiftung dem künstlerischen Nachlass samt Flath-Villa, Flath-Halle, Flath-Werkstatt und -Grundstück verpflichtet. Doch auch die Stiftung ist pleite. Verlockend: Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KV) will das ganze Flath-Areal an der Bismarckallee 5 kaufen, schließlich ist die Ärztevertretung Nachbarin vom Anwesen des bekannten Holzbildhauers.

Das Gelände wäre ideal, denn die KV muss dringend expandieren und will auf dem Flath-Grundstück ein Gebäude für Tagungsräume und Büros errichten. Doch dafür muss die Flath-Halle weichen, was wiederum größte Verärgerung beim Flath-Stiftungsbeirat und den Segeberger Künstlern hervorruft. Der Stiftungsbeirat will die Halle und die angrenzende Werkstatt erhalten, um die mehr als 3800 extrem großen Holz-Altäre und -Skulpturen und mehr als 10.000 Bilder des Holzbildhauers Flath öffentlich zu zeigen. Die Künstler fürchten um die Ausstellungsflächen in der Villa. Die indes will auch die KV erhalten.

„Das Problem ist, dass das Vermögen der selbstständigen Stiftung nicht für Sanierung und Erhalt der gesamten Anlage reichte“, sagt Schönfeld zum Abendblatt. Otto Flath hatte mangels Erben seinen gesamten Nachlass der Stadt vermacht. Sollte die Stadt sein Erbe nicht pflegen, würde es an die Kunsthalle Kiel fallen. Die gehört zur Christian-Albrechts-Universität, die bis jetzt abgewunken hat, doch inzwischen überlegt, ob sie Werk und Leben Otto Flaths nicht doch erforschen solle. Dafür werden 30.000 Euro benötigt.

Das Barvermögen des Flath-Erbes habe 160.000 Euro betragen. Bis heute allerdings habe die Stadt 2,3 Millionen Euro in den Erhalt der Anlage gesteckt. Jetzt müsse damit Schluss sein, denn die Stadt habe seit 1999 keinen ausgeglichenen Haushalt, so Schönfeld.

Zudem seien Halle und Werkstatt Flaths nach Aussage des Landeskonservators Michael Paarmann nicht erhaltenswert. „Auf dem Gelände steht gar nichts unter Denkmalschutz“, sagt Schönfeld. Ob die Halle indes so marode sei, dass sie nur noch abgerissen werden könne, wollte Schönfeld dem Abendblatt gegenüber nicht bewerten.

„Im Gegensatz zu den Häusern dürfen die Werkstatt und die Werke Otto Flaths laut Stufe 4 des Denkmalschutzes nicht verändert werden“, argumentiert hingegen Dieter Schmidt, ehrenamtlicher Vorsitzender des Stiftungsbeirats. Der pensionierte 80-jährige Lehrer kannte den 1906 bei Kiew geborenen und 1987 in Bad Segeberg verstorbenen Holzbildhauer persönlich und kämpft vehement für den Erhalt des Gesamtwerks. Jetzt hofft Schmidt, dass der gesamte Nachlass vom schleswig-holsteinischen Denkmalschutzamt die Stufe 6 erhält: „Dann darf nichts verändert werden.“

Schmidt moniert, dass Flaths Werk im Ausland mehr geachtet würde als in seiner Heimatstadt. „1971, als Flath Segeberger Ehrenbürger wurde, hat die Stadt Jackson in Michigan in den USA den von Flath geschaffenen und erworbenen Barmherzigkeitsaltar in das Register der Nationalhistorischen Denkmäler aufgenommen“, sagt Schmidt, der mit einigen Ehrenamtlern Besucher durch Villa und Ausstellungshalle führt. „Die Halle ist überhaupt nicht marode, das ist ein Gerücht, um sie abreißen zu können, und die Villa wurde gerade saniert“, sagt Schmidt nachdrücklich.

„Das Grundstück ist ideal für die KV, wir warten auf ein konkretes Angebot“, sagt Marco Dethlefsen, Sprecher der KV. Die Entscheidung würde bei der Segeberger Stadtvertretung liegen. „Wir kennen die Emotionalität und die Bedeutung des Flath-Erbes“, versichert Dethlefsen. Die KV, die auch die Ärztekammer ins Boot holen wolle, würde überlegen, einige Flath-Werke im Neubau auszustellen. „Alle Werke zu zeigen, die jetzt in der Halle stehen, kann aber nicht unser Job sein“, sagt Dethlefsen. Die KV sei in der Kurstadt tief verwurzelt. „Unser Plan sieht vor, die Villa zu erhalten, aber wenn wir die Halle mit der Werkstatt nicht abreißen können, müssen wir das Projekt überdenken“, sagt Dethlefsen. Die Villa sei allein wegen ihrer ursprünglichen Verwendung als Kinderheim für jüdische Waisen ein Mahnmal. „Obwohl unsere Tagungsräume marode sind, warten wir die Entwicklung gelassen ab“, sagt Dethlefsen.

„Wenn die KV abspringt, gerät die ganze Flath-Stiftung ins Wanken, und der Stiftungszweck, der Erhalt des Werks, wäre nicht mehr zu erfüllen“, sagt Bürgermeister Schönfeld. Der Netto-Verkaufserlös würde in die Stiftung fließen, obgleich nach Testament Flaths Grundstück und Gebäude der Stadt gehören würden. Er befürchte zudem, dass die KV nach Kiel ziehen könnte, und das wäre für Bad Segeberg ein Verlust von 250 Arbeitsplätzen.

Er habe jetzt das Angebot einer Mediation von Volkram Gebel angenommen und wolle die Fachkompetenz des ehemaligen Plöner Landrats nutzen, um mit allen Beteiligten eine Lösung des Konflikts zu erarbeiten. Dazu gehöre auch die Diskussion, wo das umfangreiche Werk Flaths künftig gezeigt werden könne. Erbost ist Schönfeld indes über die Segeberger Künstler: „Ich habe Mitarbeit erhofft, doch sie wollen nur die Villa als Ausstellungsfläche nutzen und das kostenfrei.“