Kreis Segeberg

Flüchtlingswelle überfordert Städte, Gemeinden und Ämter

Weil die Gemeinschaftsunterkunft Schackendorf fast zwei Jahre unbewohnbar ist, werden die Asylbewerber auf die Orte verteilt. Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause protestiert dagegen.

Kreis Segeberg. Sie kommen aus allen Krisenregionen der Erde und suchen in Deutschland Asyl: Tschetschenen, Syrer, Afghanen, Roma, Iraner und Iraker. Die Kommunen im Kreis Segeberg stellt die Flüchtlingswelle in diesem Jahr vor große Herausforderungen. Die Suche nach adäquaten Unterkünften für die Menschen kommt durch die Asylpolitik des Kreises zusätzlich unter Druck. Denn ausgerechnet im September beginnt Segeberg mit der 18-monatigen Sanierung der zentralen Asylbewerber-Unterkunft in Schackendorf. Und über 80 Bewohner werden auf die Städte und Kommunen im Kreis umverteilt. Das ist sozialpolitischer Sprengstoff.

Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause ist alles andere als einverstanden mit dem Vorgehen des Kreises. „Ich kein Verständnis dafür, dass die Asylbewerber im Kreis verteilt werden sollen und möchte die Landrätin eindringlich bitten, diese Entscheidung zu revidieren.“ Es sei Aufgabe der Landrätin, während der Sanierungsphase der Gemeinschaftsunterkunft eigene adäquate Unterbringungskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Generell sieht der Bürgermeister durch die zunehmenden Zuweisungen von Asylbewerbern in den Kommunen ein erhebliches Betreuungsproblem, da geeignete Fachkräfte fehlen. „Mit ehrenamtlichen Kräften ist dies nicht zu leisten.“

Nach Angaben Krauses ist Kaltenkirchen bemüht, zusammen mit den örtlichen Wohnungsunternehmen eine dezentrale Unterbringung zu erreichen um die Integration zu fördern. Da jedoch in so kurzen Zeiträumen zu viele Asylbewerber zugewiesen werden, könne eine dezentrale Unterbringung nicht gelingen. Der Bürgermeister hat für sein Vorgehen um Unterstützung bei den Bürgermeistern der Städte und Gemeinden sowie den Leitenden Verwaltungsbeamten der Ämter des Kreises geworben.

„Gerade jetzt ist diese Sanierung eine erhebliche Belastung“, sagt Sirko Neuenfeldt, Fachbereichsleiter Soziales in der Norderstedter Stadtverwaltung. Allein in Norderstedt müssten in diesem 200 Asylbewerber untergebracht werden, mindestens 20 davon werden aus Schackendorf kommen. Die Norderstedter Unterkünfte am Buchenweg und an der Lawaetzstraße sind mit 121 belegt und haben kaum Kapazitäten. Neu hinzu gekommen sind die 28 Wohnungen in den betagten Reihenhäuschen am Kiefernkamp in Friedrichsgabe. „Die sind komfotabel mit eigenem Bad und eigener Küche. Seit März setzen wir da schon Leute um“, sagt Neuenfeldt. Ansonsten prüfe die Stadt derzeit alle möglichen Lösungen zur Unterbringung – von der Umnutzung von Gebäuden, der Aufstellung von Containern bis zur Anmietung von Wohnraum. „Außerdem planen wir den Neubau einer Unterkunft neben der ehemaligen Feuerwache Glashütte. Im Gegensatz zur Lawaetzstraße und zum Buchenweg wird das ein massives, gut ausgestattetes Gebäude“, sagt Neuenfeldt.

Dass der Kreis eine zentrale Aufnahmestelle wie Schackendorf betreibe, sei im Vergleich mit anderen Regionen eine erfreuliche Ausnahme und ein gutes Konzept, sagt Neuenfeldt. „Und es ist zu begrüßen, dass die Kreispolitik das Gebäude erhalten will.“ Der Kretsiag hatte vor einem Jahr den dauerhaften Erhalt der Schackendorfer Einrichtung beschlossen. Die Sanierung und Erweiterung der Unterkunft soll nun 1,37 Millionen Euro kosten, das Land hat zugesichert, seine Förderquote von 70 Prozent zu erfüllen.

Landrätin Jutta Hartwieg hat auf die Kritik aus Kaltenkirchen bereits reagiert. Sie hat Hanno Krause ihr Verständnis versichert. Hartwieg weist darauf hin, dass alternative Unterbringungsmöglichkeiten während der Zeit der Sanierung leider nicht zu realisieren waren. Eine Containerlösung in dieser Größenordnung und ohne finanzielle Unterstützung des Landes sei unwirtschaftlich, die Anmietung von Hotels oder Pflegeheimen scheitere an der fehlenden Akzeptanz der Nachbarschaft. Unterstützung bekommt die Landrätin, die noch bis Ende August in der Kreisverwaltung tätig ist, vom Kreistag, der sich gegen Interimslösungen durch den Kreis Segeberg ausgesprochen hat.

Bürgermeister Hanno Krause setzt auf Verständnis: Mitte Mai ist eine Gesprächsrunde mit der Landrätin angesetzt, bei der dieses Problem erörtert werden soll.

In Henstedt-Ulzburg hat man vollstes Verständnis für das Vorgehen von Hanno Krause. Die amtierende Bürgermeisterin Elisabeth von Bressensdorf hat sich dem Protest ihres Amtskollegen aus der Nachbarstadt angeschlossen. In diesem Jahr sollen dem zweitgrößten Ort des Kreises Segeberg 79 asylsuchende Personen zugewiesen werden – zu viele, um sie gemeinsam in der vorhandenen Unterkunft wohnen zu lassen.

Am nördlichen Ende des Kirchweges, direkt neben dem Tierheim, sind die Asylbewerber in den gemeindlichen Schlichtwohnungen untergebracht. Das hat bisher geklappt, aber künftig muss sich die Gemeinde etwas anderes einfallen lassen. „Wir müssen Wohnraum anbieten“, sagt Jens Richter, Sprecher der Gemeinde Henstedt-Ulzburg.

Das allerdings ist in einer Gemeinde, die hauptsächlich von Einzelhausbebauung geprägt ist und in der preisgünstige Mietwohungen ohnehin schon Mangelware sind, keine einfache Aufgabe.