Schröters Wochenschau

Nudeln im Tank

Was für eine Nachricht: Der beschauliche Kurort Bad Bramstedt befindet sich inmitten eines 657 Quadratkilometer großen Areals, unter dem man in knapp 2000 Meter Tiefe lukrative Leichtöl-Vorkommen vermutet.

Diese Meldung wird die Stadt verändern. Ich sage nur: Goldrausch in San Francisco, anno 1848.

Während im strukturschwachen Bremerhaven die ersten Glücksritter noch Kinder, Kegel und Paletten mit Büchsenbier auf Planwagen verladen, reitet die Vorhut der Prospektoren (allesamt Junggesellen und ungebunden) bereits in Bad Bramstedt ein. In der Sporthalle des Jürgen-Fuhlendorf-Gymnasiums wird ein Mietstall eingerichtet, auf dem Bleeck zimmern Geschäftemacher erwartungsfroh ihre Holzbuden zusammen.

Im angrenzenden Saloon – vormals: Bramstedter Schloss – tanzen schon alle Puppen auf dem Tresen, während der Planwagen-Treck aus Bremerhaven noch die Autobahn1 verstopft. Nur wenige Tage später überflügelt Bad Bramstedt die Einwohnerzahl Hamburgs. In biederen Vorgärten steckt man Claims ab, Duelle sind an der Tagesordnung, und eine Dose Ravioli wird mit Gold aufgewogen. Oder Leichtöl, meinetwegen.

Doch leider, leider: Noch bevor dies alles geschieht, tritt die Realität auf die Spaßbremse. Längst befinden sich sämtliche Ausbeutungsrechte am Bramstedter Ölvorkommen in der Hand der kanadischen Gesellschaft PRD Energy. Die Kanadier möchten das Leichtöl mittels der umstrittenen Fracking-Methode aus dem Boden quetschen. Dafür wird ein Chemikaliengemisch ins Erdreich gepresst.

Im Gespräch ist – und das, liebe Leser, ist keine Satire – ein Cocktail aus Wasser, Keramik, Guarkernmehl, Bioziden und Korrosionsschutzmitteln. Eigentlich ziemlich genau das, was in einer Dose Ravioli auch drin ist. Guarkernmehl wird aus dem Samen der Guarbohne gewonnen und ist als Bestandteil von Arzneien und Biolebensmitteln zugelassen.

Also wirklich: Wir drücken Essen in die Erde, um tanken zu können. Ist natürlich konsequent – wir schmeißen ja auch Nahrungsmittel in die Biogasanlage, um daraus Treibstoff zu generieren. Ich finde das total umständlich. Warum wählen wir nicht den direkten Weg?

Ich zahle an der Tanke jetzt immer mit Ravioli. Fairtrade: Ein Liter – eine Dose.