Bad Bramstedt

„Ich kann nicht mehr!“

Immer mehr Deutsche leiden unter Stress. Der Chefarzt der Schön-Klinik in Bad Bramstedt spricht über Ursachen

Bad Bramstedt. Depressionen und Burn-out zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Laut aktuellem Stressreport Deutschland der Techniker Krankenkasse empfinden fast sechs von zehn Deutschen ihr Leben als stressig. Jeder Fünfte steht sogar unter Dauerdruck. Eine Entwicklung, die die Erfahrung der Schön-Klinik in Bad Bramstedt bestätigt: Mehr als 40 Prozent aller Patienten des Krankenhauses werden mit der Leitdiagnose „Depression“ aufgenommen. Die größte psychosomatische Fachklinik Deutschlands behandelt auf insgesamt sechs Stationen jährlich knapp 1400 Patienten mit diesem Krankheitsbild. Das Abendblatt sprach mit Chefarzt Gernot Langs über Stress und Burn-out.

Hamburger Abendblatt:

Immer mehr Menschen leiden an Erschöpfung bis zum Burn-out, psychische Probleme stehen bei Krankmeldungen am Arbeitsplatz an erster Stelle. Welche Faktoren führen zu einem Burn-out?

Gernot Langs:

Es gibt äußere und innere Stressoren. Der Stress „von außen“ kann eine große Belastung sein – unsere Arbeitswelt wird immer komplexer, und die Anforderungen steigen. Dennoch kann man nicht alles auf die Umweltbedingungen schieben. Interessant ist ja, warum die einen damit zurechtkommen, die anderen nicht. Hier kommen persönliche Ansprüche ins Spiel, also das, was „von innen“ kommt. Damit sind Ansprüche an sich selbst gemeint wie Perfektionismus oder der Drang, immer geliebt zu werden.Bei Menschen, die von Burn-out betroffen sind, beobachten wir, dass sie danach streben, die vermeintlichen Forderungen nach Perfektionismus nicht nur beruflich, sondern auch im privaten Umfeld zu erfüllen: Dass man eine gute Mutter, ein guter Vater sein will, ist nachvollziehbar und wichtig; dass es aber gleichzeitig auch das teuerste Auto, die Fernreise und der Marathonlauf sein müssen, gehört schon hinterfragt.

Früher waren die Menschen mit existenziellen Problemen konfrontiert: Krieg, wirtschaftliche Not bis zum Hunger, kaum Wohlstand, hohe Arbeitsbelastung. Warum reagiert die heutige Generation auf scheinbar harmlosere Belastungen mit Erschöpfungssyndromen?

Langs:

Es stimmt, dass die äußeren Belastungen heutzutage objektiv betrachtet „geringer“ ausfallen als in früheren Generationen – allein deshalb, weil es nicht mehr ums Überleben geht. Doch sind heute die Gesamtbelastungen, also das komplexe Zusammentreffen der inneren und äußeren Antreiber, insgesamt sehr hoch. Wer da nicht priorisieren kann und sich keine Inseln des Nicht-Perfektionismus schafft, hat es schwer.Davon abgesehen hat es Erschöpfung aufgrund äußerer Belastungen sicher schon immer gegeben, wenn man es auch noch nicht Burn-out-Syndrom genannt hat. Nicht übersehen darf man auch, dass die Suizidrate in Deutschland eklatant gesunken ist, seit Depressionen konsequent behandelt werden.

Bis vor wenigen Jahren war der Begriff Burn-out unbekannt. Gab es vergleichbare Krankheitsbilder in der Vergangenheit? Wie sind Medizin und Gesellschaft damit umgegangen?

Langs:

Früher sprach man von Erschöpfungsdepression oder psychovegetativem Erschöpfungssyndrom, auch die Diagnose „Nervenschwäche“ wurde in diesem Kontext verwendet. Auffällig ist, dass im Rückblick zum Beispiel Krankschreibungen aufgrund von Rückenschmerzen zurückgehen, während gleichzeitig mehr Menschen aufgrund psychischer Erkrankungen krankgeschrieben werden. Das könnte vermuten lassen, dass viele Menschen stressbedingte Rückenschmerzen hatten, diese aber in den Vordergrund stellten. Es gab auch den Begriff der „larvierten“ – hinter einer Maske von Körperbeschwerden versteckten – Depression. Darüber hinaus haben sich die Diagnosemöglichkeiten verbessert, sodass psychische Erkrankungen heute besser erkannt und dann auch entsprechend behandelt werden können.

Viele Menschen beklagen, dass die Informationsflut ständig zunimmt und zu Stress führt. Warum gelingt es nicht, die mühelose Kommunikation per Internet und das nahezu unendliche Angebot an Information als Bereicherung zu sehen?

Langs:

Kommunikationsmedien sind Segen und Fluch zugleich: Wenn wir die Kontrolle über die Kommunikation haben, sehen wir das positiv. Aber es bleibt der Eindruck, dass viele Menschen sich tyrannisiert fühlen, vor allem am Arbeitsplatz: direkter Kundenkontakt, Telefon, Mails und dabei noch Routinearbeiten erledigen, das stresst! Schließlich steigt nicht nur die Menge der zu verarbeitenden Informationen, sondern auch die Erwartungshaltung, dass beispielsweise Mails unmittelbar bearbeitet werden. Eine Studie der DAK hat herausgefunden, dass der Grad der telefonischen Erreichbarkeit mit dem Ausmaß der Gefahr, depressiv zu werden, korreliert. Aus meiner Sicht ist das Telefon als Pars pro Toto zu sehen und spiegelt das alltägliche Arbeitsleben dieser Menschen. Ein wenig so wie in der Auftrittsarie des Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla“: „Jedem zu Diensten zu allen Stunden, umringt von Kunden bald hier, bald dort....Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr! ich kann nicht mehr! Alles auf einmal, alles auf einmal....“

Was empfehlen Sie Vorgesetzten und Firmenchefs, die ihre Mitarbeiter vor Überlastung und Krankheit bewahren wollen? Wie kann sich jeder Einzelne schützen?

Langs:

Arbeitgeber können den Boden für ein gutes Arbeitsklima bereiten – für die Umsetzung sind dann alle, also jeder Einzelne, verantwortlich. So können Führungskräfte etwa dafür sorgen, mit dem Mitarbeiter realistische Ziele zu vereinbaren, also solche, die auch erreichbar sind. In der Verantwortung jedes Einzelnen liegt es darüber hinaus, die persönlichen Prioritäten insgesamt zu definieren. Jeder Mensch sollte ab und an Bilanz ziehen, entscheiden, was ihm wichtig ist und dann entsprechende Prioritäten setzen.

So ist es am Arbeitsplatz in vielen Aspekten wichtig, wenn nicht sogar unerlässlich, volle Leistung zu bringen – ein Chirurg könnte niemals sagen, er rufe bei einer Operation nur noch 70 Prozent seiner Leistung ab. Aber ob neben dem vollen Leistungsanspruch im Berufsleben auch noch das Privatleben zu 100 Prozent perfekt sein muss, sollte man sich dann schon hinterfragen. Niemand kann rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche Marathon laufen.