Norderstedt

Er will 15 Milliarden vom Staat

Otmar Korte ist Contergan-Opfer und Anwalt . Er klagt gegen die Bundesrepublik Deutschland auf Schadenersatz

Norderstedt. Er hat sich durchgesetzt, sich nicht in die soziale Hängematte fallen lassen. "Ich bin eine Ausnahme in der Contergan-Szene", sagt Otmar Korte und lehnt sich zufrieden zurück im schwarzen Ledersessel. Der 48-Jährige genießt den Erfolg, er führt eine Anwaltspraxis mit mehreren Mitarbeitern und steuert weiter auf Expansionskurs. Doch dann schnellt der Norderstedter nach vorn, die Augen verengen sich hinter der Brille, er zeigt seine Kämpfernatur: "Wenn man behindert ist, muss man immer mehr geben als die anderen, 100 Prozent reichen nicht."

Sein Handicap sind die extrem verkürzten Arme, die Hände sitzen fast direkt an den Schultern. Korte ist ein Contergan-Opfer, eins von 5000 in Deutschland und 10 000 weltweit. Auch seine Mutter hatte das Beruhigungs- und Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid des Pharma-Unternehmens Chemie-Grünenthal GmbH während der Schwangerschaft genommen. Gegen die Übelkeit.

Schon der junge Korte wusste sich zu wehren, mit Worten

Trotz der Missbildungen erlebte der Sohn eine "völlig normale Kindheit". Er ließ den anderen keine Chance, ihn auszugrenzen, zu hänseln. Schon der junge Korte wusste sich zu wehren, mit Worten. "Aber auch körperlich", sagt er, lächelt und behält seine Verteidigungsstrategie für sich. Er hat Fußball gespielt, zog mit den anderen in den Wald, wenn sie mit dem Luftgewehr "rumgeballert haben", führte schon als Zwölfjähriger den Kran, der zum Baugeschäft seines Vaters gehörte, und fuhr Lkw. "Dass ich so aufwachsen konnte, lag wohl daran, dass wir auf dem Dorf gelebt haben", sagt der Westfale aus der 4000-Seelen-Gemeinde Freienohl im Sauerland, die inzwischen zur Stadt Meschede gehört.

Die Unbeschwertheit hat der Sauerländer mit dem sprichwörtlichen Dickschädel längst hinter sich gelassen. Er hat sich an eine Herkules-Aufgabe gewagt und die Bundesrepublik Deutschland auf Schadensersatz verklagt (wir berichteten). "Der Staat hat es damals unterlassen, Arzneimittelproduktion und -vertrieb zu kontrollieren", sagt Korte. Er sei bisher der Erste, der gegen den Staat klagt. Korte und die weiteren deutschen Opfer von Contergan können bis heute nicht verstehen, warum damals niemand die Bundesregierung wegen der Contergan-Katastrophe zur Verantwortung gezogen hat. Die Bundesrepublik trage erheblichen Anteil am Leid der Opfer.

Erst seit 1976 müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Mittel helfen

"Die Regierung hat dem unverantwortlichen Treiben des Herstellers von Contergan keinen Einhalt geboten. Grünenthals Profitgier und die Nachlässigkeit der Politik bei der Überwachung der Arzneimittelproduktion und dem Vertrieb der Tabletten haben Tausenden von Kindern die körperliche Unversehrtheit genommen", sagt der Jurist. Nach den Römischen Verträgen von 1957 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft hätte Deutschland sofort ein Arzneimittelgesetz schaffen müssen, sagt Korte. Dieser Verpflichtung sei Deutschland nicht nachgekommen. Erst seit dem Arzneimittelgesetz von 1976 müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Mittel helfen und ungefährlich sind. Eine funktionierende Arzneimittelaufsicht hätte den Zusammenhang zwischen dem Schlafmittel Contergan und embryonalen Schädigungen schon 1958 erkannt, sagt Korte. Der Staat hätte das Mittel spätestens 1960 vom Markt nehmen müssen.

Der symbolische Streitwert beträgt 5001 Euro. "Das ist eigentlich noch viel weniger als symbolisch", sagt er streitbare Anwalt, der sich auf Arbeitsrecht spezialisiert hat. Selbst fünf Millionen reichten nicht, um das wieder gut zu machen, was er und andere Conterganopfer erleiden mussten und immer noch müssen. In den USA wären die Betroffenen mit einem dreistelligen Millionenbetrag entschädigt worden.

Otmar Korte zahlt schon seit zwei Jahren keine Steuern mehr

Das ist die spektakulärste Klage. Außerdem klagt er auf Steuerbefreiung. Zwei Jahre hat er schon nicht gezahlt, fast so lange "kaue das Land Schleswig-Holstein schon daran rum". Nach Kortes Auffassung verstößt es gegen die Menschenwürde, wenn er seinem Schädiger auch noch Steuern zahlen soll. Außerdem will er vor Gericht erreichen, dass er als Opfer nach dem Opferentschädigungsgesetz anerkannt wird. "Bisher fallen Contergan-Opfer nicht unter dieses Gesetz, weil sie nach bisherigere Rechtsprechung keine Gewaltopfer sind. Das sehe ich anders. Wir wurden mit Medikamenten vergiftet, das fällt für mich unter Gewalt", sagt Korte.

"Sie glauben ja gar nicht, was man sich alles gefallen lassen muss", sagt der verheiratete Vater zweier Töchter. Und die Kampfbereitschaft weicht einer Mischung aus Wut und Bitterkeit. Die Ganzkörper-Hornhaut, die sich Korte nach eigenen Worten zugelegt hat, bekommt Risse. Die Verletzlichkeit scheint durch. Das Unverständnis darüber, dass er immer wieder und immer noch Blicke auf sich zieht und die Mitmenschen zu manchmal ja durchaus gut gemeinten Kommentaren animiert: "Als ich mit meinem neuen Wagen getankt habe, hat mich doch einer gefragt, ob wir eine Rentenerhöhung bekommen haben", sagt Korte. Oder der Skiläufer, der ihm anerkennend zunickte: "Das geht ja schon ganz gut." Er fahre seit 40 Jahren Ski und besser als viele Menschen ohne Handicap. Die menschlichen Spiegel brauche er ebenso wenig wie die echten: "Ich kann mein Spiegelbild nicht ertragen", sagt der Mann, der eigentlich Pilot werden wollte und nicht konnte, aber doch von der Luftfahrt nicht lassen wollte.

Nach dem Jura-Studium begann Korte seine berufliche Karriere als Luftfahrtberater. Als die Branche zum Sinkflug ansetzte, machte er sich 1996 mit eigener Kanzlei in Norderstedt selbstständig. Seit 2004 hat er die Zulassung als Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die Kanzlei floriert. "Der berufliche Erfolg war und ist für mich ein absolutes Muss", sagt der Jurist, der hart dafür gearbeitet und bis vor zwei Jahren problemlos mit seinem Handicap gelebt habe.

Doch dann lief im November 2007 "Contergan" im TV, der Zweiteiler, der schildert, wie Eltern mit einem Kind leben, dem Arme und Beine fehlen, wie die Tochter von anderen gemieden wird, wie der Vater gegen Grünenthal klagt, 100 Millionen Mark Schadenersatz erstreitet und hinnehmen muss, dass das Verfahren schließlich wegen "geringfügiger Schuld" der Angeklagten und "mangelndem Interesse der Öffentlichkeit" eingestellt wird. Der Film hat nicht nur alte Wunden aufgerissen, er hat Kortes Hilfsbedürfnis geweckt, ihn dazu gebracht, sich für andere einzusetzen. "Jetzt konnte ich mir das beruflich erlauben", sagt der Anwalt, der die damaligen Rechtsbeistände der Opfer als "anwaltliche Blindgänger" bezeichnet.

Die Behörden bezahlen vielen Opfern nicht einmal Spezial-Toiletten

Er sei nicht nur in eigener Sache vors Gericht gezogen, sondern auch für die Contergan-Opfer, bei denen das Medikament viel stärkere Missbildungen verursacht hat. "Im Vergleich zu anderen geht es mir ja noch gut. Viele hatten gar keine Chance zu arbeiten, denen geht es so schlecht, dass sie den Kitt aus den Fenstern fressen", sagt Korte. Die Ordnungsämter bezahlten ihnen nicht mal Spezial-Toiletten. Viele hätten nichts erlebt, nur gelitten. 15 Milliarden Euro ist die Summe, die Korte der Bundesrepublik abtrotzen will, 15 Milliarden für die noch rund 2500 Conterganopfer, die nach Kortes Recherchen noch existieren. Und mit dem Geld ein bisschen Leben nachholen könnten.