Norderstedt

Mit 88 Jahren noch am Amboss

Schmied Schmidt: Ob Gartenzaun oder Kunstwerk - der Trappenkamper Meister arbeitet immer noch am lodernden Feuer.

Trappenkamp/Norderstedt. Im fauchenden Schmiedefeuer färbt sich das Eisen von Bordeauxrot zur funkenstobenden Weißglut. Mit festem Griff zwingt Kunstschmied Alfred Schmidt das Werkstück unter dem ratternden Lufthammer in Form. Seit Jahrzehnten stellt der 1955 aus Dresden geflohene Handwerker und Künstler in Trappenkamp Tore und Portale, Gitter und Plastiken von gediegener Qualität her - auch noch im hohen Alter von 88 Jahren. Ruhestand, Untätigkeit überhaupt, ist für Alfred Schmidt, der zahlreiche Patente hält, nicht vorstellbar. Von ehemals zahlreichen Mitarbeitern sind seine Frau Erika, die sich um das Schriftliche kümmert, ein Lehrling und ein Helfer geblieben. Die Zukunft des Kunstschmiedehandwerks, das heute offiziell nicht einmal mehr so heißen darf und in der Metallverarbeitung aufgegangen ist, macht dem alten Herrn Sorgen. "Ich habe immer noch Ideen", sagt er fast trotzig. Die moderne Architektur aus Stahl und Glas lasse keinen Raum mehr für schmiedeeiserne Geländer oder Wandbilder. Der Meister, der mehr als 100 Lehrlinge ausbildete, von denen 60 selbst Meistertitel erwarben, spürt die Folgen der Wirtschaftskrise in Deutschland. "Schlimm ist es, keine Werkstattarbeit zu haben." So sei es in all den Jahren noch nie gewesen, sagt er und kramt eine dicke Mappe mit Entwürfen hervor. Alle handgezeichnet mit vollständiger Kalkulation, General- und Detailansicht. Rund 3000 seien es wohl insgesamt, viele davon umgesetzt und zu sehen in ganz Deutschland und im Ausland. Schmidts Arbeiten sind Kunstwerke, stehen auf städtischen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden. Seine Werke sind in Hamburg und Bad Segeberg zu sehen, auf Sylt und in Schweden, in Boston und New York, auch in Norderstedt und Bad Bramstedt. Um Norderstedts Wappenwand gabs politischen Streit Schmidt schafft nicht nur schöne Kunstwerke, sondern auch solche, die Kritik hervorrufen. Norderstedt hats erlebt. Über die von Schmidt entworfene Wappenwand im Rathaus wurde monatelang heftig diskutiert. Schmidt hatte Deutschland in den Grenzen von 1937 dargestellt, die Wappen auch von Ostgebieten gezeigt und die Präambel des Grundgesetzes mit der Aufforderung zur Wiedervereinigung hinzugefügt. Kritiker sahen darin Ansprüche des Westens auf Ostgebiete. Nach massivem Druck musste Schmidt die Wappenwand ändern. Wappen wurden ausgetauscht, die Präambel entfernt. Die politische Entwicklung hatte in der Zwischenzeit Ost und West zusammengebracht, die Wiedervereinigung war perfekt. Nun steht zwischen den Wappen schlicht das Datum der Deutschen Einheit: 3. Oktober 1990. Für Wirbel sorgte auch Wiebcke Kruse, die Brunnenfigur in Bad Bramstedt, die Kritikern zu freizügig geraten war. Mit so viel freiem Busen mochten einige Bramstedter die Tochter ihrer Stadt nicht dargestellt sehen. Andere Werke aus Schmidts Kunstschmiede bereiten mehr Freude, etwa die vier Meter hohe Sonnenuhr beim "Stoltenhof" in Norderstedt-Mitte. Der Stützstab ist bei den Kindern als Kletterstange beliebt. Vor dem Hotel "Wilhelm Busch" eilen des Meisters Figuren "Max und Moritz" mit den bei Witwe Bolte gestohlenen Hühnern davon. Und nebenan steht gleich zweimal der Rabe "Hans Huckebein". Sein erstes Werk für Norderstedt war das Stadtwappen in der Moorbekbrücke. Für die Schlösser und Herrenhäuser von Günther Fielmann und Axel Springer in Schleswig-Holstein fertigte Schmidt zahlreiche Tore und Zäune neu an, auch eine Paradies-Abgitterung für den Dom zu Lübeck und eine Portalanlage für das Herrenhaus Schierensee bei Kiel. Im Freilichtmuseum Molfsee zeigte er die Schmiedekunst Von 1966 bis 1982 stand der Handwerker mehrmals pro Woche in der Schmiede des Freiluftmuseums Molfsee bei Kiel. Ausstellungen und die Zusammenarbeit mit Hochschulen kamen hinzu. Schmidts Ruf erreichte die USA. Die Liberty Island Foundation wollte ihm 1984 die Restaurierung der Freiheitsstatue in New York übertragen. Als schon alles geklärt schien, brach der Kontakt plötzlich ab, ein französisches Unternehmen erhielt den Zuschlag. "Politische Gründe", sagt der Senior, und seine Erzählung macht deutlich: Er hätte den Auftrag als eine Ehre betrachtet. Nach den Wirren der Flucht fand der damals junge Mann in Trappenkamp auf dem verlassenen Gelände einer Minenfabrik ein Generatorenhäuschen und einen Stall, heute Werkstatt und Wohnhaus der Familie. In Dresden blieb damals ein florierender Betrieb mit 40 Mitarbeitern zurück. Schmidt hatte als Unternehmer mit Westkontakten den Argwohn der DDR-Staatsmacht erregt. Als der Wagen schon zur Flucht bereitstand, habe ihn eines Abends der Vater eines Lehrlings gewarnt: "Übermorgen holen wir den Alten deines Juniors, er kriegt wenigstens 25 Jahre", habe einer der Stasi-Leute beim Skatspiel erzählt. Wieder Glück. Die Rückübertragung des alten Eigentums nach der Wende begann mit Hoffnungen und endete im Kampf mit der Bürokratie. Der Traum vom Schulungszentrum für Kunstschmiede blieb unerfüllt. So will Schmidt mit 88 Jahren weiterhin täglich - von seinem verspielten jungen Dackel begleitet - das Kohlenfeuer in der Werkstatt neu anfachen und dafür arbeiten, dass ein alter Beruf Zukunft hat.