Norderstedt

Völlig losgelöst feiern mit den Alt-Stars

Foto: Michael Schick

Auch die 16. Schlagernacht am Kalkberg war wieder ausverkauft. Mehr als 8000 machten Party und lauschten Mark Medlock, Costa Cordalis und Co.

Bad Segeberg. "It's A Real Good Feeling", singt Peter Kent. Die erste Hymne des Abends und Zustandsbeschreibung. Schon um 18.15 Uhr fühlen sich die meisten richtig gut, singen mit, tanzen und ignorieren die Wolken, die über dem Kalkberg hängen. Die halten dicht, als wollten sie den Menschen unter ihnen den Abend nicht verderben.

"Real good feeling war mein erster Disco-Hit", sagt Tina (45). Auf die Frage, wie oft sie schon bei der Schlagernacht war, gibt sie das Zählen schnell auf. 12-, 13- oder 14-mal. Die Frau aus Schönwalde feiert nicht einfach nur. Sie überlässt zwar die große Bühne den Stars von einst. Aber vor der Rampe und im Gang, da zelebriert sie ihren eigenen Auftritt. Schwarzer Anzug, schwarzer Hut, schwarze Sonnenbrille, Tina ist Bodyguard und beschützt mit ihrem Pendant Kate (41) Michael Jackson alias Moni (39). Ein schrilles Outfit, der Schlager-Move lässt grüßen. Sonst trägt das Publikum warme Jacken, Sweat-Shirts und Jeans. Viele haben einen Regenschirm unter den Arm geklemmt. Gefeiert wird in bequemer und praktischer Garderobe.

Nur Moni hat ihre Identität verlassen, ist ganz Michael Jackson, greift sich in den Schritt wie ihr Idol, auch wenn das hier nicht ganz passt. Da, wo demnächst Winnetou wieder die Bösen besiegt, stellt sich die Erotik nicht zur Schau. Stattdessen Verbrüderung oder eher Verschwisterung, die Frauen sind deutlich in der Überzahl. Mark Medlock, deutsche Soul-Hoffnung, Sieger bei Deutschland sucht den Superstar und Dieter-Bohlen-Spezi, bringt die Gefühlslage auf den Punkt: "Das ist ja wie im Fußballstadion." Oder noch treffender, wie eine Mischung aus Fußballstadion und Après-Ski-Party in Sölden. Den Arm um bis dahin fremde Schultern legen, die Hände zum Himmel, Disco-Fox mit einer Unbekannten und Sirtaki in der Spontan-Gruppe.

"Wir begegnen hier Leuten, die wir sonst nie sehen", sagt Bodyguard Kate und begrüßt einen jungen Mann, der sich zwei rote, blinkende Teufelshörner auf den Kopf gesetzt hat. Wer zum Schlager-Kult in Bad Segeberg kommt, weiß, was abgeht. Gemeinsam feiern, fünf Stunden mal "die Sau rauslassen", wie es die Schlager-Fans formulieren.

"Das ist doch super hier, da kann man mal richtig Party machen", sagen Britta, 40, Taschi, 35, Jasmin, 34, Iris, 42, Evelyn, 42, und Bärbel, 49. Und die Männer zu Hause lassen. Das Sextett aus Norderstedt, Gruppen-Zeichen weißer Hut, sitzt in der ersten Reihe vor der blauen Bühne. Vor sich Rucksäcke und eine gelbe Kühltasche, aus der immer wieder Getränke ans Tageslicht befördert werden. Frauengetränke, bevorzugt Erdbeerlimes. Den Erdbeersaft, der mit Wodka gemischt und auf Touren gebracht wird, trinken die Sechs aus Plastik-Fingerhüten. Immer schön langsam, der Abend ist lang. Gehen die Stimmungsmacher aus, ist Nachschub nicht weit. Junge Männer und Frauen führen in ihren Verkaufskörben nicht nur Brezel mit, sondern auch jede Menge vom Party-Kult-Getränk "Kleiner Feigling". So mancher Feigling-Freund füllt die Holzpalisaden neben dem Sitzplatz mit leeren Flaschen, überhaupt steigt der Alkoholpegel bei vielen unaufhörlich. Nur die Fahrer und all die anderen, die Selters und Saft trinken, bleiben sitzen und brauchen deutlich länger, um mitzuklatschen.

Auch das Kalkbergstadion ist voll. "Wir haben 9000 Karten verkauft, fast alle waren nach zwei Tagen weg", sagt Moderator Christian Schröder. Die Schlagerparty ist ein Selbstgänger, auch noch bei der 16. Auflage. Der NDR hat einen Spannungsbogen gebaut, am Schluss sollen Marianne Rosenberg und Mark Medlock noch mal richtig Gas geben. Das gelang nur bedingt. Marianne Rosenberg, als "special guest" angekündigt und eigentlich kultiger Dauerbrenner in der deutschen Schlagerszene, entzündete kein Gefühls-Feuer. Am Anfang streikte die Technik, die Stimme war zu leise ausgesteuert. Dann flammte bei "Er gehört zu mir" zwar Begeisterung auf, doch die legte sich schnell wieder. Die Sängerin blieb merkwürdig unterkühlt, wirkte, als wenn sie ein eher lästiges Pflichtprogramm absolviert. Immerhin dürften die vier geschmeidigen Begleit-Tänzer den weiblichen Fans gefallen haben. Das Publikum blieb artig, schickte Rosenberg mit verhaltenem Applaus von der Bühne und wollte keine Zugabe, die Moderator Schröder aber erbat.

Da waren die Kollegen vorher deutlich besser drauf. Peter Schilling löste mit seinem Neue-Deutsche-Welle-Hit "Völlig losgelöst (Major Tom)" eventuell noch vorhandene Sing-Blockaden, auch bei "Mademoiselle Ninette" von den Soulful Dynamics kannten die Fans jede Textzeile. Die fröhliche Band, afrikanisch bunt gekleidet, war noch nicht ganz von der Bühne, da wendeten sich die Augen schon nach hinten. Da stand er, mitten im Publikum, gab Autogramme, ließ sich mit einer hübschen Zuschauerin ablichten. Costa Cordalis genoss das Bad in der Menge. Mit Sohn Lucas kurbelte der Grieche kräftig an der Partylaune. "Anita", "Der Wein von Samos", "Ritmo de la noche" und dazu noch ein Tänzchen, Vater und Sohn schafften auch in der Kalkbergarena spielend, wofür sie auch sonst ihr Geld bekommen.

Besinnlicher ging es bei Brunner & Brunner zu. Die Brüder aus Österreich sangen die zweite Hymne des Abends. "Wir sind alle über 40", Furchen im Gesicht, nichts ausgelassen, und doch leben wir. Und wie, lässt sich da mit einem Blick in die Rund feststellen. In Bad Segeberg beendete das Duo seine Karriere. "Es gibt nicht Schöneres, als mit so vielen Menschen Abschied zu feiern", sagte Johann Brunner.

Und dann kommt der, auf den die meisten warten: Als Mark Medlock lässig und mit schwingenden Hüften auf die Bühne federt, tauchen plötzlich junge Leute vor der Bühne auf. Der Sänger zieht die Lederjacke aus, gibt "Mamacita" zum Besten. Da springt der Funke sofort über, ist die Welt der Schlager-Fans wieder in Ordnung. Zufrieden machen sie sich auf in ihre normale Welt, Montag beginnt der Alltag.