Experten: Keine Handhabe gegen Vattenfall

Krümmel-Schließung ausgeschlossen?

Der Störfall ist nach dem Gesetz zu geringfügig. Das Kernkraftwerk Krümmel könnte danach sogar ohne neue Genehmigung wieder ans Netz.

Kiel/Geesthacht. Im Atomkraftwerk Krümmel hat gestern die Suche nach beschädigten Brennstäben begonnen. Das Ergebnis des Atom-Checks soll erst Ende der Woche vorliegen. Grund ist das aufwendige Suchverfahren. Die insgesamt 840 Brennelemente mit im Schnitt je 90 Brennstäben müssen mit einem speziellen Messgerät überprüft werden. Gemessen wird, ob Gas ausströmt. Nach Angaben von Vattenfall tritt aus mindestens einem defekten Brennstab Helium aus.

"Wir gehen davon aus, dass mindestens ein Stab defekt ist", sagte Vattenfall-Sprecherin Barbara Meyer-Bukow. Der Schaden sei vermutlich durch kleine Metallpartikel ausgelöst worden, die man bei der Säuberung des Reaktors übersehen habe (wir berichteten). Der Schaden im Herz des Reaktors war nach dem jüngsten Störfall am 4. Juli aufgefallen. Das Reaktorwasser wies eine erhöhte Radioaktivität auf. Möglicherweise, das schließt Vattenfall nicht aus, sind mehrere Stäbe beschädigt. Ursache ist vermutlich eine Putz-Panne. Vor dem Neustart des Reaktors am 19. Juni waren Metallspäne im Reaktor entdeckt, aber offenbar nicht vollständig beseitigt worden. "Die größeren Späne, die bis zu einem Zentimeter lang waren, sind geborgen worden", sagte Meyer-Bukow. "Von den kleineren Spänen haben wir wohl nicht alle erwischt." Die Metallpartikel, ein bis zwei Millimeter groß, sind in der Atombranche gefürchtet. Sie können aus Rohrleitungen oder Armaturen kommen, wirbeln in den Reaktor, bleiben dort an den Hüllrohren der Brennstäbe haften und durchlöchern sie.

Für Vattenfall hat die Panne ein atomrechtliches Nachspiel. Der Betreiber Krümmels darf defekte Brennelemente nicht in Eigenregie austauschen, sondern benötigt hierfür die Zustimmung der Kieler Atomaufsicht, also des Sozialministeriums. Ein Hebel, um Krümmel stillzulegen, ist das nach Einschätzung eines Atomexperten aber nicht.

Etliche Politiker hatten markig formuliert, dass Krümmel notfalls geschlossen werde, wenn Vattenfall nicht spurt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) etwa sagte, nur mit seiner Zustimmung ginge Krümmel wieder ans Netz. Dabei ist klar, dass die Atomaufsicht gegen Krümmel wenig in der Hand hat. Der Störfall, also der Trafo-Kurzschluss mit Reaktorschnellabschaltung, ist nach den Abstufungen im Atomgesetz so geringfügig, dass Vattenfall den Reaktor ohne jedwede Genehmigung wieder anfahren dürfte. "Nach der Rechtslage benötigen wir keine Zustimmung", bestätigte Meyer-Bukow. Vattenfall habe sich aber verpflichtet, Krümmel nur "in enger Abstimmung" mit der Kieler Atomaufsicht wieder anzufahren. Einen Termin dafür gibt es noch nicht. Meyer-Bukow geht davon aus, dass die beiden neuen Transformatoren frühestens im April 2010 geliefert und dann getestet werden.

Der Atomaufsicht sind auch dabei die Hände gebunden. Der Austausch von Trafos fällt nicht unter das Atomgesetz und ist somit nicht zustimmungspflichtig.



Einen Trumpf hat Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) allerdings im Ärmel. Sie lässt prüfen, ob Vattenfall die für den Betrieb von Atomanlagen nötige Zuverlässigkeit noch besitzt. Die Zweifel daran stützten sich insbesondere auf zwei große Versäumnisse des Energiekonzerns. Vattenfall hatte erstens die Auflage missachtet, die Trafos in Krümmel zu überwachen, und zweitens den Störfall nicht bei der Atomaufsicht gemeldet. Ob das reicht, um Vattenfall die Atom-Lizenz zu entziehen, ist fraglich. Nach geltender Rechtsprechung haben Atomunternehmen die Möglichkeit, Mängel zu beheben und ihre Zuverlässigkeit etwa mit einem Personalwechsel zu untermauern. Im Fall Krümmel hat Vattenfall hier bereits gehandelt. Drei Tage nach dem Störfall wurde der Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht entlassen.


Wie schwer ein Einkassieren der Atom-Lizenz ist, hat der Kieler Verwaltungsjurist Professor Wolfgang Ewer deutlich gemacht. In einem Beitrag für eine Broschüre des Sozialministeriums kommt er zu dem Schluss, dass ein Widerruf der Lizenz "allenfalls in seltenen und außergewöhnlichen Fällen" möglich ist, "auch wenn dies in krassem Widerspruch zu den mitunter in der Öffentlichkeit erhobenen Forderungen steht".


Ewer hatte Vattenfall im Auftrag der Atomaufsicht nach dem Störfall 2007 untersucht und überprüft derzeit erneut die Zuverlässigkeit des Atomkonzerns.

78.999 Brennstäbe in Krümmel

Die Brennelemente werden bei der Überprüfung nicht aus dem Wasser gezogen. Untersucht wird jedes der 840 Brennelemente. Sie sind rund 4,50 Meter lang und 14,5 Zentimeter breit. In jedem Brennelement lagern im Schnitt 90 runde Brennstäbe mit einem Durchmesser von elf Millimetern. Insgesamt befinden sich in Krümmel 78.999 Brennstäbe. Sie enthalten kleine Pellets aus Uranoxid. Der größte Siedewasserreaktor der Welt verbraucht im Regelbetrieb jährlich rund 120 Brennelemente. Sie kommen danach für drei bis fünf Jahre in ein Abklingbecken und dann im Castorbehälter in das atomare Zwischenlager in Krümmel.