Jugendgewalt

Wenn der Sohn auf die schiefe Bahn gerät

Nach einem Überfall auf einen Imbiss kommt Dennis in Haft. Seine Mutter sucht Hilfe und stößt auf Vorwürfe. Dann gründet sie eine Selbsthilfegruppe.

Oldenburg. Undine Schulz steht im Gefängnis, aber sie ist kein Sträfling. Sie lebt in Freiheit und ist doch mit gefangen. Sie hat einen Sohn in Haft - und sie zeigt es allen: "Ja, mein Kind sitzt im Knast!" Wenn etwas das neue Leben von Undine Schulz nachzeichnet, dann ist es dieses eine Foto mit ihr vor hohen Backsteinmauern und Stacheldraht. Sie hat es aus der Lokalzeitung ausgeschnitten.

Es ist ein Tag im Juni 2007, als Undine Schulz über das Verbrechen ihres Kindes liest - ohne dass ihr das in diesem Moment bewusst ist. Sie sitzt in ihrer Wohnung in Oldenburg und blättert in der Zeitung. Eine Gruppe Unbekannter hat einen Imbiss überfallen, steht dort. Aus einer Gaspistole hat sich ein Schuss gelöst, ein Mensch wurde verletzt. Schulz denkt nur: "Die Täter werden ja auch immer jünger." Zwei Wochen später stellt sich ihr Sohn Dennis der Polizei. Schulz ist geschockt - auch wenn sie es schon lange erwartet hat. Ein Jahr lang wirft sie keinen Blick mehr in die Zeitung. Aus Angst. Ob wirklich Dennis geschossen hat, will er ihr bis heute nicht verraten.

Knapp 300 000 jugendliche Straftäter registrierte die Polizei im Jahr 2007. Dennis ist einer von ihnen. Nachbarn beschimpfen Schulz, was für eine schlechte Mutter sie sei. Einige Freunde kommen nicht mehr zu Besuch. Von den Schuldgefühlen wird sie krank, bekommt Hörstürze. Sie verliert ihre Arbeit als Haushaltshilfe und lebt von Hartz IV. Es gibt Tage, an denen ihr die Kraft für den Weg zum Supermarkt fehlt. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus. Sie liegt in ihrem Bett, will sich aus der Welt verabschieden. Einschlafen und nicht mehr aufwachen.

"Scheiße, ich lebe noch", denkt Undine Schulz am nächsten Morgen. Es ist der Moment, in dem sie beschließt, sich Hilfe zu suchen.

Sie trifft auf eine Gesellschaft, in der Eltern von kriminellen Kindern so behandelt werden wie Junkies oder Alkoholkranke. Alle schweigen. "Dann muss ich mir eben selbst helfen", sagt sie und geht an die Öffentlichkeit. Die 49-Jährige gründet die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für Eltern mit kriminellen Kindern: "Mein Kind im Knast - oder kurz davor e. V". Am Tag, als die Lokalzeitung über den Verein berichtet und das Foto von Schulz vor Backsteinmauern zeigt, wartet sie auf die Anrufe. Sie rechnet mit Nachbarn, die sie beschimpfen. Und mit fremden Eltern, die sagen: "Hätten Sie mal besser auf Ihr Kind aufgepasst." Es kommt ganz anders.

150 Anrufe bekommt sie in den ersten Wochen, dann hört sie auf zu zählen. Nicht eine Stimme am Ende der Leitung schimpft. Andere Eltern mit kriminellen Kindern melden sich, erzählen von ihren Depressionen, von der Scham und den Schuldgefühlen. In den Geschichten der Eltern hört Undine Schulz auch immer wieder ihre eigene. Das hilft. Solidarität tut gut. Sogar Professoren und Anwälte bieten ihre Hilfe an.

Zurzeit betreut Schulz drei alleinerziehende Mütter und ein Elternpaar. Einmal in der Woche kommt sie zu Besuch, gibt verzweifelten Eltern Rat, die jetzt das Gleiche durchmachen, wie Schulz es getan hat. Seit Kurzem erhält Schulz Geld von der Stadt Oldenburg, bald soll aus der Selbsthilfegruppe eine offizielle Beratungsstelle werden. In ihrer Wohnung hat sie sich ein Büro eingerichtet.

In ihrem Wohnzimmer hängt ein Foto von Dennis, ein schmächtiger Junge, damals zwölf Jahre alt. "Er war überall der Liebling", sagt Schulz. Sie habe ihren Sohn nicht anders erzogen als seine beiden Schwestern - fürsorglich und ohne Gewalt. Ganz anders als es Schulz selbst in ihrer Kindheit erlebt hat. Sie wollte es besser machen.

Umso härter ist die Suche nach der Antwort auf das Warum? Wer sich ein Bein bricht, weiß, wann er den Unfall hatte. Und wer schuld daran war. Wer ein kriminelles Kind hat, muss ein ganzes Leben analysieren - und das eigene gleich mit. Wer nach dem Moment sucht, in dem Dennis "auf die schiefe Bahn geriet", der beginnt an dem Tag, als er wegen Sprachdefiziten auf die Sonderschule musste, wo die Klasse und der Pausenhof von den Stärkeren regiert wurden. Sie hänselten Dennis, er weinte viel - und ließ irgendwann seinen Frust an jüngeren Schülern aus. Vielleicht aber führt die Suche noch weiter zurück, als Dennis drei Jahre alt war und der Vater nach der Scheidung der Eltern aus Dennis Leben verschwand.

Was auf dem Schulhof beginnt, geht zu Hause weiter. Fast täglich zofft sich Dennis mit seiner Mutter, er schlägt die Schwestern. "Manchmal hatten wir Angst, nach Hause zu kommen, weil wir wussten, Dennis ist da", sagt Schulz. Er klaute der Mutter Geld, später sogar das Auto. Irgendwann fing er mit Drogen an und schmiss mit 17 die Hauptschule. Der Richter setzte seine Strafe zur Bewährung aus, und Dennis kam wieder zu seiner Mutter, die spürte, dass sie ihrem Sohn nicht mehr helfen konnte. "Ich habe die Polizisten angefleht, dass sie Dennis einsperren", erzählt Schulz. Doch erst nachdem er in der Schule Computer geklaut hat, kam er das erste Mal ins Gefängnis, für wenige Tage, auf Bewährung war er wieder frei. Ein paar Monate später überfiel Dennis den Imbiss mit einer Gaspistole.

Mittlerweile gibt es ein zweites Bild im Kopf der Mutter von ihrem Sohn, das nicht zu dem Bild des schlagenden Kindes passt: ihr Bild von Dennis im Gefängnis. Heute ist er 21 Jahre alt und muss noch bis zum Sommer einsitzen. Kurz nach seiner Inhaftierung bekam er einen der wenigen Plätze für die Sozialtherapie. Erst holte Dennis seinen Hauptschulabschluss nach, dann begann er eine Ausbildung zum Gärtner. Sein Tag startet jetzt morgens um sechs. Abends schreibt er Briefe an seine Mutter und Schwestern. "Ich vermisse Euch", steht dort. Er schreibt, seine Mutter solle sich keine Vorwürfe machen, er allein habe den Mist verbockt.

Seine Handschrift, sagt Schulz, sei gar nicht mehr so krakelig wie früher.

Aber Undine Schulz hat auch Angst. Angst, dass Dennis in der "Welt hier draußen" wieder kriminell wird, auch wenn sie hofft, dass er seinen Weg finden wird. Es gab Momente, in denen Dennis und seine Mutter gemeinsam am Küchentisch saßen und doch weit von einander entfernt waren. Jetzt, da sie hohe Gefängnismauern und Stacheldraht trennen, fühlen sie sich einander so nah wie lange nicht mehr.

Undine Schulz und die Selbsthilfegruppe erreichen Sie unter www.kimka-ev.de oder Telefon: 0441/304 49 38.