Urteil: Überraschendes Ende eines Prozesses

Autohändler zu Tode gefoltert - Freispruch

Tatverdächtige saßen unschuldig in Haft. Jetzt stellte sich heraus: Der wichtigste Zeuge litt unter Wahnvorstellungen.

Hamburg

Über Stunden war der 54 Jahre alte Autohändler Ulrich Steinbrecher in der Nacht zum 1. Juli 1999 in seinem Haus in Horst bei Elmshorn gefoltert worden. Die Täter fesselten ihn mit Teppichklebeband, dann schlugen und traten sie auf ihn ein. Auf dem Hinterkopf fanden Rechtsmediziner später eine handtellergroße Verletzung, dazu eine große Wunde am Scheitel, Quetschungen auf der Stirn und an den Schläfen. Zum Tode führte ein Lungenkollaps, bedingt durch einen Brustkorbniederbruch.

Neun Jahre beschäftigt der Fall bereits die Justiz in Schleswig-Holstein, doch seine volle Aufklärung scheint noch immer weit entfernt: Gestern hat das Landgericht Itzehoe vier Männer freigesprochen, denen die Staatsanwaltschaft Raub mit Todesfolge beziehungsweise Anstiftung zur Tat vorgeworfen hatte. Sie sollen den Kaufmann gemeinsam mit drei weiteren Komplizen gefoltert haben, um dessen Geldversteck, in dem fast 800 000 Euro lagerten, zu leeren.

Belastet worden waren die vier Männer durch den zur Tatzeit 19-jährigen Vladimir K. Der vorbestrafte Hamburger war nur fünf Wochen nach der Tat aufgrund von DNA-Spuren überführt und festgenommen worden. Ein weiterer Tatverdächtiger flüchtete nach Russland und ist bis heute nicht gefasst. Nach zwei Jahren Indizienprozess wurde der Deutschrusse im März 2003 zu sechseinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Während er im Prozess schwieg, begann er Anfang 2006 in der Haft zu reden und belastete die vier Männer. Sieben Jahre nach der Tat, im April 2006, wurden sie von der Polizei in Hamburg und Buxtehude überwältigt.

Jetzt mussten sie wieder freigelassen werden. Grund: Nach Angaben zweier Sachverständiger leidet Vladimir K unter Wahnvorstellungen. Damit gebe es erhebliche Zweifel an seinen Aussagen, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Krankheit sei erst während des Verfahrens auffällig geworden. Andere Beweise, die gegen die vier Männer sprächen, gebe es nicht.

"Die Freisprüche kommen drei Jahre zu spät, denn es war ein Verfahren, das es gar nicht hätte geben dürfen", sagte einer der Rechtsanwälte empört: Die Angeklagten, die aufgrund der Aussagen eines psychisch Kranken zum Teil bis zu acht Monate in Untersuchungshaft waren, bekommen jetzt für jeden Tag, den sie unschuldig in der Zelle saßen, elf Euro Entschädigung, sagte der Verteidiger.