Babyleiche in Kasernentoilette gefunden

Soldatin wegen Kindstötung vor Gericht

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Die Anklage lautet Totschlag. Seit heute steht eine junge Bundeswehr-Soldatin vor dem Landgericht Verden. Sie wird verdächtigt, ihr Kind auf einer Kasernen-Toilette heimlich zur Welt gebracht und anschließend umgebracht zu haben.

Verden. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall klar: Sie beschuldigen die 24-jährige Frau, ihr kleines Mädchen am 13. März auf der Toilette in der Lützow-Kaserne in Schwanewede erstickt zu haben. "Sie wusste, dass das Kind noch lebte", sagte Staatsanwältin Simone Fischer beim Prozessauftakt. "Der Tod hätte durch das Herausnehmen aus dem Toilettenbecken verhindert werden können." Die Angeklagte habe billigend in Kauf genommen, dass das Neugeborene sterbe. Für dieses Verhalten muss sich die Bundeswehrsanitäterin nun wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten. Mit der Verlesung der Anklageschrift war der erste Verhandlungstag nach nur wenigen Minuten zu Ende, weil sich die 24-Jährige nicht zu den Vorwürfen äußern wollte.

Die blonde, junge Frau hatte heute Morgen auf dem Weg ins Gericht ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug Jeans, Turnschuhe, eine schwarze Jacke und ein rosa Halstuch. Ihr Gesicht versteckte sie hinter einen Aktenmappe. Mit leiser Stimme beantwortete sie knapp die Fragen des Vorsitzenden Richters zu ihren Personalien. Ihr Gesicht verriet keine Regung.

Angeblich will niemand von ihrer Schwangerschaft gewusst haben, nicht einmal ihre Eltern. Ihre Gewichtszunahme erklärte sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit stressbedingtem Essverhalten. Die 24-Jährige selbst habe nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Kind erwartete, und sich nicht damit auseinandergesetzt.

Frauen könnten ihre Schwangerschaft völlig verdrängen oder verleugnen, wenn sie unerwünscht sei, erklärte Professor Peter Falkai, Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Göttingen. Sie entwickelten keine Muttergefühle. "Das Kind ist für sie ein Fremdkörper." Eine Täterin, die ihr Baby unmittelbar nach der Geburt töte, müsse aber nicht psychisch krank sein, meinte Falkai.

Nach Überzeugung von Sachverständigen war das 3140 Gramm schwere Mädchen der Soldatin lebensfähig und atmete nach der Geburt hörbar. Nachdem es im Toilettenbecken erstickt war, legte die Frau das Baby nach Darstellung der Anklage in einen Eimer und stellte diesen in ihren Spind. Dann legte sie sich ins Bett. Eine andere Soldatin fand das Mädchen. Bei einer früheren Vernehmung hatte die Beschuldigte angegeben, sie habe das Kind für tot gehalten.

Als alle den Gerichtssaal verließen, blieb die junge Frau für einige Minuten allein auf der Anklagebank zurück. Sie begann zu weinen. Ihr Verteidiger Erwin Bugar ist überzeugt, dass die 24-Jährige "einer Bestrafung entgegen geht". Es sei noch nicht sicher, ob seine Mandantin im Laufe des Prozesses aussagen werde, sagte er. "Entscheidend dafür ist der Verlauf der Beweisaufnahme." Am kommenden Dienstag soll der Prozess fortgesetzt werden.

( abendblatt.de )