Gericht verhandelt Elternmord - 27-Jähriger gilt als schuldunfähig

| Lesedauer: 4 Minuten

Osnabrück. Der Fall hat im Frühjahr Schlagzeilen gemacht: Ende Februar war im kleinen Ort Kettenkamp im Osnabrücker Land ein Ehepaar spurlos verschwunden. Erst im April fand die Polizei die beiden 56 und 60 Jahre alten Ermordeten - vergraben in einem Waldstück, 500 Meter von ihrem Haus entfernt. Schon während der Suche - für die unter anderem der Wasserspiegel des Flusses Hase auf einer Strecke von 17 Kilometern abgesenkt wurde - geriet der 27 Jahre Sohn des Paares ins Visier der Ermittler. Seit Mittwoch steht er vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft hält ihn für nicht schuldfähig. Er habe sich von den Eltern bedroht gefühlt und sie deshalb im Schlaf erschlagen und erwürgt, sagte Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp. Die Anklagebehörde stützt ihre Antragsschrift auf Indizien. Das Blut in der Wohnung der Getöteten war mit von dem 27-jährigen gekaufter Farbe überpinselt worden. In seinem Auto fanden sich Blutspuren, an seiner Kleidung Erdreste von der Fundstelle der Leichen. Einem Mithäftling soll er die Tat gestanden haben. Das Landgericht Osnabrück muss nun über eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik entscheiden.

Der Angeklagte äußerte sich zu den Vorwürfen nicht. "Mein Mandant wird von seinem Schweigerecht umfassend Gebrauch machen", sagte sein Anwalt Joë Therond. Still und in sich gekehrt folgte der 27-Jährige am ersten Tag der Verhandlung. Als er sich auf seinen Stuhl setzte, hing er seinen grauen Anorak nicht über die Stuhllehne, sondern ließ ihn über die Schultern achtlos auf den Sitz gleiten und setzte sich darauf. Gemütsregungen ließ er nicht erkennen.

Das Gericht hörte zunächst Kolleginnen der 56 Jahre alten Mutter und vor allem Nachbarn der Familie. Der Sohn habe sich in den vergangenen Jahren nach einem Drogendelikt in der Schulzeit immer mehr abgekapselt, sagte eine Nachbarin. Freunde habe er nicht gehabt. Vieles an seinem Verhalten sei auffällig gewesen. So habe er ihr gegenüber Blickkontakt vermieden, undeutlich und unzusammenhängend gesprochen, auch mit sich selbst häufig laut geredet.

Sie habe der Mutter gesagt, dass sie ihren Sohn für psychisch krank gehalten habe, sagte die als Erzieherin in einem Heilkindergarten arbeitende Frau. Den Eltern aber sei der ohne Schulabschluss und ohne Arbeit vor sich hin lebende Sohn offenkundig peinlich gewesen, sie hätten auf diese Hinweise nicht reagiert. "Der Sohn war ein Tabu-Thema", sagte sie. Sie habe den Eindruck gehabt, dass der junge Mann sich verfolgt gefühlt habe.

Einen Vorfall vor zwei Jahren habe sie alarmierend gefunden, sagte die Nachbarin. Damals seien zwei Kinder aus dem Ort vermisst worden. Die Polizei habe mit Suchtrupps und Hubschraubern nach ihnen gesucht. Sie habe die beiden Kinder dann bei dem heutigen Angeklagten im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzend gefunden. Den Kindern sei zwar nichts geschehen. "Ich fand es dennoch ungewöhnlich, dass ein junger Mann stundenlang Kinder in der Wohnung hat, ohne auf die Idee zu kommen, dass sie vielleicht gesucht werden."

Eine andere Nachbarin sagte hingegen, sie habe nichts Auffälliges an dem stillen und zurückhaltenden Sohn bemerkt. Der 27-Jährige sei immer "ordentlich und nett" gewesen und habe sich auch am Gemeindeleben in Kettenkamp beteiligt. Mehrere Zeugen berichteten, dass das Ehepaar davor stand, das Haus zu verkaufen. Der Sohn hätte sich dann eine eigene Existenz aufbauen müssen. Das habe aber niemand dem 27-Jährigen sagen dürfen - möglicherweise aus Angst vor einer aggressiven Reaktion.

Vier weitere Prozesstage sind vorgesehen. Das Gericht wird voraussichtlich am 6. November ein Urteil sprechen.

( dpa )