50 Jahre "Gorch Fock": Auf der Elsflether Werft wird die Dreimastbark renoviert

Altes Handwerk - seit Lord Nelson hat sich nichts geändert

Viel Arbeit, wenig Zeit: 190 Mann schweißen, hämmern und malen. Kosten des Liftings: 4,5 Millionen Euro.

Elsfleth. Der schmucke Albatros ist hinter einem Holzverschlag versteckt. Weil sich das Missgeschick von 2001 nicht wiederholen soll. Damals brach die Galionsfigur beim Abschrauben auf der Werft entzwei. Auch andere empfindliche Teile der Gorch Fock sind geschützt. Damit sich das Segelschulschiff der Marine Ende April als Deutschlands "Botschafter in Blau" weltweit wieder von allerbester Seite präsentiert. Schließlich gehört ein bisschen Lifting zum 50. Geburtstag heutzutage fast zum guten Ton. Zumindest bei einer Dreimastbark.

Mit vereintem Einsatz geht's gut voran. 60 Profis der Elsflether Werft, an der Hunte im Kreis Wesermarsch vor den Toren Oldenburgs malerisch gelegen, arbeiten an den Härtefällen, während die 130-köpfige Mannschaft an Details feilt. Rund 4,5 Millionen Euro wird die Renovierung am Ende kosten.

An Bord des abgetakelten Schiffes wird aus Leibeskräften geschweißt, gehämmert und gemalt. Fast die gesamte Einrichtung ist ausgeräumt, schwere Fliesen wurden entfernt. Um das Flaggschiff bei seinen Reisen über die Weltmeere noch stabiler zu machen, wird der alte Betonboden durch leichteren Kunststoff ersetzt. Letztlich soll die "Gorch Fock" um 60 Tonnen "abspecken". Auch der Kombüse wird zu Leibe gerückt. Neue Geräte stehen bereit.

Zum Programm der Rundumerneuerung zählen weiterhin Sandstrahlen des gesamten Rumpfes und aller Aufbauten, Grundieren und Lackieren des Rumpfes, Erneuern der Wand- und Deckenverkleidung im Achterschiff, Instandsetzen der Anker-, Ruder- und Propelleranlage. Zudem werden Holzteile wie "Klavier" (Ruderverkleidung aus Mahagoni), Seekisten, Nagelbänke und Steuerräder aufgearbeitet.

Dass Handarbeit bei der Marine hoch im Kurs steht, zeigt sich wenige Meter weiter. Der Obergefreite Chris Schäfer und seine Kameraden haben alle Hände voll zu tun, Holzblöcke für die Takelage mit Lackfarbe zu streichen. Sieht nicht nur gut aus, schützt auch vor Sturm und Salzwasser. Ein Stockwerk höher sitzt eine Gruppe Marinesoldaten im Kreis beisammen. Trotz der anstrengenden Arbeit wirkt die Situation idyllisch. Milchig fällt Frühlingssonne durch die verschmutzten Scheiben; aus einem alten Radiogerät plärrt Musik. Dienstbefehl: Kleeden.

Stahltau wird mit Fett beschichtet, mit Jute verkleidet, erneut gefettet und dann mit einem Bindfaden umhüllt. Damit dieser Faden straff gespannt ist, kommt eine Kleedkeule zum Einsatz, eine Art hölzerner Hammer mit Kerbe.

"Diese Tätigkeit hat sich seit Lord Nelson nicht verändert", sagt Oberleutnant zur See Christian Riechelmann. Man sieht's.

Hauptgefreiter Mario Scholsching und die übrigen Jungs haben den Bogen raus - jeder Handgriff sitzt. Muss auch! Denn das fertige Tau wird letztlich mit der gleichfalls von Hand mit Leder eingefassten Kausch, einer Art Schlinge, in den Masten befestigt. Als "Fußpferde" dienen sie den Matrosen in luftiger Höhe als stabiler Halt. Um eine hoch komplizierte Handarbeit kurz zu beschreiben ...

Viel Maloche macht 'ne Menge Kohldampf. Auf dem Wohnschiff "Wische" am Kai nebenan kommen paniertes Seelachsfilet, Mohrrübengemüse und Reis auf den Tisch. Einstmals bei der NVA in Diensten, fungiert der grau angemalte Kahn während der viermonatigen Werftzeit als Kantine und Unterkunft. 124 Soldaten und eine Handvoll Frauen, darunter Oberbootsmann Nadine Conrad aus Erfurt, logieren in Viererkammern. Wer Glück oder die richtigen Sterne an der Uniform hat, darf eine Zweierkabine beziehen.

Eine Sirene signalisiert: Schluss mit Foffteihn. Bis zur geplanten Fertigstellung am 30. April gibt's noch reichlich zu erledigen. Neben dem Bekleeden von Fußpferden, Springpferden und Püttings müssen von der Mannschaft 560 Blöcke und Schäkel aufgearbeitet, Stahlkleinteile abgeschliffen und lackiert werden. Das Hamburg-Wappen, am hinteren Mast angestammt, ist eingemottet, die Schiffsglocke wird auf Glanz gebracht. Verläuft alles nach Maß, wird die Gorch Fock Anfang Mai nach Kiel aufbrechen und dort ausgerüstet. Bis zur Kieler Woche Ende Juni steht ein umfangreiches Ausbildungspaket an, bevor die Dreimastbark im August via Hanse Sail in Rostock und Flensburg Nautics Kurs auf Hamburg nimmt. Vom 5. bis 8. September sollen in der Patenstadt die Geburtstags-Feierlichkeiten zelebriert werden. Mit einem komplett aufgemöbelten Flaggschiff, dem man sein Alter dann garantiert nicht mehr ansieht.