HELGOLAND: AUFZUCHTPROJEKT BRAUCHT NEUE FINANZIERUNG

Kopfgeld für Hummerweibchen

10 000 der Schalentiere will die Biologische Anstalt jährlich in der Nordsee aussetzen, um die Population zu retten. 80 000 Hummer wurden in den besten Zeiten rund um Helgoland gefangen − das war in den 30er- Jahren.

Helgoland. 80 000 Hummer wurden in den besten Zeiten rund um Helgoland gefangen − das war in den 30er- Jahren. Dann kamen die Bombenabwürfe im Zweiten Weltkrieg, später die Verschmutzung der Nordsee, und inzwischen sind es klimatische Veränderungen, die den Schalentieren zusetzen. "Heute werden noch 200 bis 300 Tiere pro Jahr gefangen", sagt Isabel Schmalenbach.

Die 31- Jährige würde niemals Hummer essen: "Ich esse generell keine Tiere, die bedroht sind." Die Doktorandin der Marine- Umweltwissenschaften beschäftigt sich wissenschaftlich mit den nachtaktiven Schalentieren. Sie arbeitet im Hummer-Aufzuchtprojekt der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH), das von den Fischereiabgaben des Landes Schleswig-Holstein finanziert wird.

Das auf zehn Jahre angelegte Projekt läuft aber im kommenden Jahr aus. "Wir hoffen sehr, dass es ein Nachfolgeprojekt gibt", betont Fritz Buchholz, Leiter der BAH, mit Nachdruck, "aber noch ist das leider nicht gesichert." 7000 Jungtiere haben die Forscher bislang in der Nordsee "ausgewildert", pro Jahr etwa 1000. "Wenn sie vier Zentimeter lang, also ungefähr ein Jahr alt sind, kommen sie raus", erklärt Schmalenbach. Sobald die Nordsee mindestens zehn Grad hat, müssen die kleinen Hummer ihre geschützten grünen und grauen Plastikbottiche verlassen und sehen, wie sie allein in der Nordsee klarkommen. Vorher wird jedes Tier mit einer fluoreszierenden Farbe markiert.

Isabel Schmalenbach (31) hat ein Herz für Helgoländer Hummer. Sie arbeitet an der Hummer-Aufzucht der Biologischen Anstalt. FOTO: KLAUS BODIG Die Forschungen haben laut Schmalenbach ergeben, dass der Hummer um Helgoland sehr standorttreu ist. Die Tiere brauchen Höhlen, und die finden sie rund um die Hochseeinsel. "Wir wissen das, weil die Fischer mit uns zusammenarbeiten und uns die markierten Hummer in die Station bringen − für zehn Euro Aufwandsentschädigung", so die Wissenschaftlerin.

Die Schutzmaßnahmen und die Kooperation mit den Helgoländer Fischern habe sich bewährt, betont Schmalenbach. So darf Hum-mer erst vermarktet werden, wenn die Tiere mindestens sieben oder acht Jahre alt sind und die Chance hatten, sich fortzupflanzen. Auch ein befristetes Fangverbot im Juli/August wurde durchgesetzt. Die Fischer geben auch eiertragende Hummerweibchen in der BAH ab und bekommen dafür 50 Euro Fangprämie. "Das Kopfgeld macht das attraktiv für beide Seiten", sagt der Helgoländer Kurdirektor Christian Lackner. "Jedes Weibchen gibt 1000 bis 10 000 Eier ab. In der Nordsee überlebt nur ein Tausendstel der Larven, bei uns jede dritte", erklärt die junge Wissenschaftlerin.

Denn in den Zuchtbecken, in denen das Wasser leise plätschert, werden Temperatur, Sauerstoffgehalt und die Nahrung akribisch reguliert. Feinde wie rund um den Buntsandsteinfelsen gibt es hier auch nicht. Das Nachfolgeprojekt soll deutlich größer ausfallen. "Wir möchten gern 10 000 Hummer pro Jahr aussetzen, damit sich die Population erholen kann", sagt Buchholz. Schätzungsweise gibt es derzeit noch 10 000 Hummer rund um Helgoland, doch die Gefahren sind vielfältig. "Wir haben einen drastischen Wandel", sagt Buchholz. "Die Nordsee hat sich nach Langzeitbeobachtungen in den vergangenen 40 Jahren um 1,1 Grad erwärmt. Wir bekommen zunehmend atlantische Lebensformen in der Nordsee. So haben wir die Pazifische Auster seit 2003 auch hier, die langsam die Miesmuschel verdrängt." Dadurch veränderten sich die Nahrungsnetze der Nordseebewohner. "Die Organismen haben den Wandel bemerkt, bevor wir ihn messen können", erklärt Buchholz.

Da hat beispielsweise der Taschenkrebs, der ebenfalls in der Nordsee lebt, leichteres Spiel als der Hummer: "Sie sind weniger empfindlich und haben sich deshalb ausgebreitet", sagt Schmalenbach. Auch der Taschenkrebs wird vor Helgoland gefangen und seine Zangen als "Knieper" angeboten − eine köstliche Spezialität. "Die esse ich auch", sagt Schmalenbach.