Die Macht der Gutachter

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Ralf Nehmzow

Vergewaltigung - Der Fall Sabasch: Sind Psychiater Ersatz-Richter? Sie bringen Sexualtäter in Freiheit und bestimmen Urteile.

Hamburg. "Der Mann muss raus, und zwar sofort", befand der Mainzer Psychiater Johann Glatzel über den angeblich geheilten Triebtäter Wilfried Sabasch. Der Mann kam aus der geschlossenen Psychiatrie der Fachklinik Neustadt in Freiheit - und vergewaltigte in Uetersen eine junge Frau. Ein Fall, der Gerichtssachverständige in Deutschland auf den Prüfstand bringt. Sie sind unentbehrlich für Richter und haben viel Macht, wenn sie Diagnosen über die Schuldfähigkeit und Prognosen über die Gefährlichkeit von Tätern abgeben. Gutachter gelten als "heimliche Richter". Mit ihren Prognosen können sie Urteile entscheiden und unschuldige Dritte ins Unglück stürzen, wenn entlassene Triebtäter rückfällig werden wie im Fall Sabasch. "Gutachten wirken wie Urteile, Sachverständige mit ihrer großen Macht und Verantwortung wie Ersatzrichter", sagt Joachim Schöning, Vorstandsmitglied der Opferschutzorganisation Weißer Ring (70 000 Mitglieder). Zwar müssten auch Sexualtäter eine Chance auf Resozialisierung haben, "aber diese Chance muss mit so vielen Schlössern versehen werden, dass das Risiko für die Bevölkerung minimiert wird". Von den 6,4 Millionen Verbrechen 2001 in Deutschland waren 52 000 Sexualtaten. "Unzutreffende Gerichtsgutachten gibt es immer wieder", stellt der bekannte Hamburger Strafverteidiger Otmar Kury fest. "Von Sachverständigen hängt viel ab. Sie können verdeckte, mittelbare Richter werden, weil sie mit ihren Gutachten die Weichen für eine Entscheidung stellen, weil Richter diese Gutachten übernehmen." Der ehemalige Hamburger Landgerichtspräsident Roland Makowka sagt: "In vielen Bereichen müssen sich Richter auf die erhöhte Sachkenntnis des Gutachters verlassen. Insofern wird man mehr oder weniger zu einer Entscheidung gezwungen, weil man an den Gutachten nicht vorbeikommt." Noch deutlicher wird der Münchener Rechtsanwalt Rolf Bossi: Von 100 Gerichts-Gutachten zur Beurteilung von Sexualtätern seien zehn falsch, schätzt er aus 50-jähriger Berufserfahrung. Bossi zum Hamburger Abendblatt: "Richter sind darauf angewiesen, den Prognose-Gutachten zu folgen. Sie selbst haben ja nicht die Sachkunde. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass jeder Richter auf Grund eines Prognose-Gutachtens blind entscheidet." Bossi muss es wissen: Er selbst förderte das Gutachterwesen in Deutschland mit einem spektakulären Fall. Im Laufe mehrerer Verfahren gegen den Kinderschänder und Sexualmörder Jürgen Bartsch, den Bossi 1971 verteidigte, gab es 35 Gerichts-Gutachten. Dabei wurden neue Begriffe zur "Schuldunfähigkeit" entwickelt. Die Akten sind voll mit Justizirrtümern auf Grund fataler Gutachter-Prognosen: . 1979 hatte der Buchhalter Rolf Diesterweg (38) ein Mädchen (12) getötet. Er saß drei Jahre ab. Wieder frei, missbrauchte und ermordete er 1997 eine Zehnjährige. . Armin Schreiner (32) vergewaltigte als 24-Jähriger mehrere Kinder, musste dafür vier Jahre ins Gefängnis. 1996, wieder frei, entführte er eine Siebenjährige, missbrauchte und tötete sie. Seit dem Römischen Recht gibt es Gutachten über psychisch kranke Straftäter. Seit 1933 wird auch die Frage der verminderten Schuldfähigkeit forensisch berücksichtigt. "Der Engel des Rechts", so beschrieb einst der Schriftsteller Robert Musil das ungleiche Gespann Richter/Gutachter, bittet "den Engel der Medizin" um Hilfe. Der Sachverständige, so formulieren juristische Fachkommentare weniger prosaisch, sei "Gehilfe" und "Berater" der Richter. Er wird vom Gericht selbst oder auf Antrag anderer Prozessbeteiligter bestellt. In bestimmten Fällen ist er zwingend vorgeschrieben. Der Sachverständige soll keine rechtlichen Schlussfolgerungen, sondern nur Tatsachen mitteilen, einen bestimmten Sachverhalt beurteilen. Seit rund anderthalb Jahren bieten einige Universitäten eine Zusatzausbildung mit Zertifikat für Psychologen und Psychiater an, die mit Gerichtsgutachten zu tun haben. "80 Teilnehmer haben bisher diese Zusatzausbildung absolviert", sagt Professor Hans-Ludwig Kröber, Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Eine Frage bleibt: Wer begutachtet Gutachter? Der frühere Gerichtssachverständige Herbert Maisch beantwortete die Frage einst ernüchternd: "Niemand, leider."