Kampf der Computer- und TV-Sucht

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Ina Rometsch

Kurklinik: Wie in Boltenhagen medienabhängige Kinder und Jugendliche behandelt werden - und ihre Eltern.

Boltenhagen. Als Nadin im mecklenburgischen Ostseebad Boltenhagen ankam, bestimmten noch die Fernseh-Richter auf RTL ihren Tagesablauf. Süchtig nach Gerichtsserien, glotzte die 15-Jährige aus Thüringen jeden Tag nach dem gleichen Ritual: "Erst ,Strafgericht', danach ,Familiengericht', und anschließend hab ich dann ,Jugendgericht' geguckt", erzählt das Mädchen mit dem dunkelblonden Pagenschnitt. In den vergangenen drei Wochen saß Nadin nur noch zweimal vor der Flimmerkiste. Sie ist zur Kur im Boltenhagener Wichernhaus - der ersten deutschen Therapie-Einrichtung für medienabhängige Jugendliche. "Kinder aller Schichten sind betroffen, meist im Alter von zehn bis 17 Jahren", sagt die Psychologin Simone Trautsch (40). Zurzeit betreut sie 60 Kinder und Jugendliche während ihrer vierwöchigen Kur. Etwa ein Drittel von ihnen ist medienabhängig. Schätzungen der Berliner Humboldt-Universität zufolge finden bundesweit 600 000 Jugendliche den Aus-Knopf ihres TV-Geräts oder PC nicht mehr. "Meist entwickelt die Abhängigkeit sich im Zusammenhang mit anderen Problemen", sagt Expertin Trautsch. Beispiel: Ein übergewichtiges Kind bewegt sich nicht gern und zieht sich lieber vor den Fernseher oder den Computer zurück. Dort wird es noch dicker, bewegt sich noch weniger - ein Teufelskreis beginnt. Den will auch Timo, ein Zwölfjähriger mit ernstem Gesicht und eckiger Brille, nun durchbrechen. Zu Hause in Dänischenhagen im Kreis Rendsburg-Eckernförde hat er zuletzt gut drei Stunden täglich am PC gehockt, meist bei dem Gangster-Spiel "Grand Theft Auto". Anschließend standen bis zu sechs Stunden Fernsehen auf dem Programm. "Jetzt will ich mehr Fahrrad fahren", hat der blonde Junge sich während der Kur vorgenommen. Immerhin hatte er schon ein Erfolgserlebnis: Das Gewicht des 1,98 Meter großen Teenagers schmolz "von 108 auf 104,8 Kilo", wie er aufs Komma genau Auskunft gibt. Er kommt an der Ostsee gut ohne Computer aus: "Ich vermisse das gar nicht. Hier ist eben immer was zu tun." Tatsächlich sind die Kinder in dem Haus am Dünenweg rund um die Uhr beschäftigt: Frühsport, Haltungsturnen oder Kochen stehen auf dem täglichen Programm. Mit Pflanzen und Erde werkeln die jungen Kurgäste auf dem "Pfad der Sinne", einer weidenumrankten Barfuß-Strecke, auf der Kiesel und Tannenzapfen die Füße massieren. Beim Steine-Bemalen und Theaterstück-Schreiben entdecken die Jugendlichen verborgene Talente, finden so neues Selbstvertrauen - und Freunde. Die helfen dabei, die alten Verhaltensmuster zu überlisten. "Immer wenn ich merke, dass ich jetzt gern Fernsehen würde, quatsche ich einfach mit Tabea und Finja", beschreibt Nadin ihre neue Strategie. Zu Hause will sie in Zukunft genauso verfahren: Lieber die Freundin anrufen als vor der Glotze versacken. Timo hingegen möchte seinen Computer ("Mit DSL-Modem und Flat-Rate, das ist geil!") fortan öfter für die Schule nutzen - ganz im Sinne von Ute Garnew (44), der Geschäftsführerin der Evangelischen Kur- und Erholungsstätten Boltenhagen, zu denen das Wichernhaus gehört: "Wir verteufeln die neuen Medien ja nicht - aber wir wollen, dass die Kinder zielgerichtet mit ihnen umgehen und die Steuerung behalten!" Wie zum Beweis dieser Philosophie steht ein Computer im Erdgeschoss des Wichernhauses. Hier dürfen die Patienten auch mal ein halbes Stündchen im Netz surfen oder über E-Mail ihre Hausaufgaben aus der Schule in der Heimat abrufen. Außerhalb der Ferienzeit laufen hier dreimal pro Woche drei Stunden Schulunterricht. Noch ist "Computersucht" keine Indikation im Sinne der Krankenkassen. Die Kasse zahlt den Kur-Aufenthalt nur, wenn auch andere Leiden wie Asthma oder Adipositas (starkes Übergewicht) vorliegen. Wer die Kur selbst finanziert, muss 50 Euro pro Tag bezahlen. Wie aber vermeidet man, dass die Kinder zu Hause rückfällig werden? "Wir haben die Eltern ins Boot geholt!" sagt Geschäftsführerin Garnew. "Für sie bieten wir eine einwöchige Schulung an. Ohne die Eltern hat die Kinderkur wenig Sinn." Wie hoch die Rückfallquote ausfällt, ist bisher nicht bekannt. Dass die Chancen zur Heilung gut stehen, hat Psychologin Trautsch im Selbstversuch erprobt. "Ich war mal süchtig nach einer Krimiserie", gesteht sie. "Aber nach vier Wochen Entzug ist man davon los!" (Mitarbeit: Mandy Fock)