Bremen (dpa/lni). Ein Vater muss sich vor dem Landgericht Bremen wegen Mordes an seinem kleinen Sohn verantworten. Die Mutter sagt, er habe den Kindern zuvor nie Gewalt angetan. Aber um ihr eigenes Leben bangte sie.

Die 34-Jährige wirkt gefasst, aber als die Vorsitzende Richterin Gesa Kasper sie fragt, wie es ihr gehe, bricht es aus ihr heraus. „Jeden Tag wird er schlimmer, der Schmerz“, sagte sie am Dienstag unter Tränen. „Er hat komplett unser Leben ruiniert.“ Mit „er“ ist ihr Ex-Mann und Vater ihrer beiden Kinder gemeint. Der 47-Jährige muss sich vor dem Landgericht Bremen wegen heimtückischen Mordes an seinem siebenjährigen Sohn verantworten. Er soll laut Anklage den Jungen im September 2023 im Schlaf mit einem Küchenmesser getötet haben, als dieser ein Wochenende bei ihm verbrachte. Zum Tatzeitpunkt soll der Mann an einer schizoaffektiven Störung gelitten haben. Er hatte die Tat zum Prozessauftakt im März gestanden.

Die Mutter sagte vor Gericht, sie habe niemals mit einer solchen Tat gerechnet. Ihr inzwischen von ihr geschiedener Ehemann sei gegenüber dem Sohn und der Tochter nie gewalttätig geworden. Seitdem er aber in einer Nacht im Juni 2023 an ihrer verschlossenen Wohnungstür randaliert und sie beleidigt habe, habe sie Angst um ihr Leben gehabt. Von Nachbarn wisse sie, dass er ein Messer dabeigehabt habe. „Ab dem Tag habe ich damit gerechnet, dass er mich umbringen wird“, sagte sie. Nach dem Vorfall ordnete ein Gericht an, dass der Mann sich nicht in ihrer Nähe aufhalten durfte. Für die Kinder habe dies nicht gegolten, sagte sie.

Zunächst hätten die Kinder aber keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater haben wollen. Der Sohn habe schließlich den Wunsch geäußert, wieder zu seinem Vater zu gehen. Das Wochenende, an dem er getötet wurde, war das erste Mal, dass er ihn wiedersah. Die Mutter sagte, sie habe keine Bedenken gehabt. „Ich würde ihn doch niemals sonst hinschicken.“

Am ersten Prozesstag im März hatte der Angeklagte, der türkischer Staatsbürger ist, ausgesagt, er habe plötzlich große Angst verspürt, als das Kind schlief. Er habe befürchtet, dass der Junge später einmal drogensüchtig und im Gefängnis landen werde. Nach der Tat habe er versucht, sich selbst zu töten. Wegen Halluzinationen und eines Gefühls von einem drückenden Dunkel auf der Brust sei er seit mehreren Jahren in Behandlung gewesen, sagte der Angeklagte am Dienstag. Seitdem er ein Antipsychotikum bekommen habe, sei es ihm besser gegangen. Er habe aber Tage vor der Tat das Medikament abgesetzt.

Seine Ex-Frau sagte dagegen vor Gericht, er habe die verschriebenen Medikamente nie eingenommen, sondern immer „direkt entsorgt“. Er habe ihr gesagt, er simuliere eine psychische Krankheit, damit er Frührente beantragen könne. Mit dieser Strategie habe er auch Erfolg gehabt. Auch andere Behauptungen des Angeklagten seien gelogen, etwa dass ihr neuer Lebensgefährte etwas mit Drogen zu tun habe oder sie während der Ehe fremdgegangen sei. „Er lügt von vorne bis hinten“, sagte sie. Während der Aussage seiner Ex-Frau blickte der Angeklagte sie immer wieder lächelnd und scheinbar amüsiert an, gelegentlich zog er dabei die Augenbrauen hoch.

Die Zeugin sagte, nach zwölf Jahren Ehe habe sie es nicht mehr ausgehalten. Ihr Mann habe zu Hause wie „eine Dekoration“ gesessen, sich nie eingebracht oder geholfen. „Irgendwann kann man nicht mehr“, sagte sie. Nachdem ihr Mann ausgezogen sei, habe sie stets darauf bestanden, dass die Kinder weiter Kontakt zu ihrem Vater hätten. Die letzte Sprachnachricht, die sie von ihrem Sohn erhalten habe, lautete, er sei gut angekommen bei Papa. Eine Nacht später war er tot. „Wie kann ein Mensch so etwas machen?“, fragte die 34-Jährige. „Ich kann es mir bis heute nicht erklären.“ Der Prozess wird am 9. April fortgesetzt.