Lüneburg. Ein deutschlandweites Missbrauchsnetzwerk vermittelte ab den 1960er Jahren Kinder an zum Teil vorbestrafte Pädokriminelle. Auch ein Lüneburger Professor soll involviert gewesen sein.

Mit Bestürzung hat die Leuphana Universität Lüneburg auf Enthüllungen reagiert, nach denen ein ehemaliger Professor Teil eines Missbrauchsnetzwerks gewesen sein soll. Jahrzehntelang waren Minderjährige aus der Kinder- und Jugendhilfe gezielt an vorbestrafte Pädokriminelle vermittelt worden - und das mithilfe eines deutschlandweiten Netzwerkes. Ein am Freitag veröffentlichter Forschungsbericht der Universität Hildesheim beschreibt die Taten rund um den in Köln geborenen Sozialpädagogen Helmut Kentler, der 2008 gestorben ist.

Der Lüneburger Wissenschaftler war laut Bericht ein zentraler Akteur, der diese Verbindungen über die Hansestadt hinaus ausgebaut hat. Er habe in den 1970er Jahren in Adendorf bei Lüneburg eine Sonderpflegestelle innegehabt und soll seine Pflegesöhne missbraucht haben. Bis 2009 arbeitete er als Professor für Sozialpädagogik. 2017 starb er.

Das Universitätspräsidium sowie die Wissenschaftler des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik der Leuphana kündigten an, den konkreten Lüneburger Fall in einem tiefergehenden Aufklärungsprozess zu untersuchen. Überdies wollen sie mögliche weitere Betroffene dazu ermutigen, sich zu melden, um ihnen Hilfe und Unterstützung anbieten zu können.

Kentler war in den 1960er und 1970er Jahren Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin und anschließend Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Er glaubte, dass sich pädophile Männer als Pflegeväter besser um ihre Schützlinge kümmern würden als andere Pflegeeltern - und bezeichnete diese Praxis als „wissenschaftliches Experiment“. Dass die Männer dafür Sex wollen könnten, war für den seinerzeit weithin anerkannten Psychologen und Sexualforscher kein Hinderungsgrund. Die Pädokriminellen erhielten sogar Pflegegeld. Kentler wurde später nicht strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten verjährt waren.

Als zentrale Knotenpunkte für den strukturellen Machtmissbrauch nennt der Bericht neben Berlin auch Göttingen, Hannover, Lüneburg, Tübingen und Heppenheim. Die Akteure hätten entweder sexualisierte Gewalt ausgeübt, aktiv ermöglicht oder wissentlich geduldet. Die Täter, die sexualisierte Gewalt ausübten, waren dem Bericht zufolge fast ausschließlich männlich, und hatten hochrenommierte wissenschaftliche oder pädagogische Positionen inne. Der Bericht basiert auf der Basis von Gesprächen mit Betroffenen, Zeitzeugeninterviews, Dokumenten und Aktenanalyse.