Hannover (dpa/lni). Mehrere Eltern berichten dem Pastor der Gemeinde Oesede von sexuellen Übergriffen eines Diakons auf ihre Töchter. Doch die Kirche sei nicht aktiv geworden, kritisiert eine unabhängige Kommission.

Ein Diakon der evangelischen Kirchengemeinde Oesede im Landkreis Osnabrück hat in den 1970-er Jahren einer Untersuchung zufolge weit mehr Kindern sexualisierte Gewalt angetan als bekannt. Die Kinder seien von der Kirche als Opfer schwerer Straftaten überhaupt nicht wahrgenommen worden, kritisierte Wolfgang Rosenbusch von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission am Dienstag in Hannover. Hauptamtliche und ehrenamtliche Verantwortliche hätten vertuscht und seien nicht aktiv geworden, als Eltern die Taten schilderten. Die Fälle seien nicht in den beiden Personalakten des Beschuldigten, nicht in Protokollen von Kirchenvorstandssitzungen und nicht einmal im Kündigungsschreiben für den Diakon 1977 erwähnt worden.

Eine Betroffene hatte ihren Fall unter dem Pseudonym Lisa Meyer im Herbst 2021 öffentlich gemacht und die schleppende Aufarbeitung vonseiten der Landeskirche Hannovers kritisiert. Sie hatte als Elfjährige Übergriffe des Diakons erlitten - eine Tat war nach heutiger Rechtslage eine Vergewaltigung, damals wäre sie auch als Verbrechen - nämlich sexuelle Nötigung - eingestuft worden, wie Rosenbusch erläuterte. Der Vorsitzende Richter im Ruhestand hat bereits im Auftrag des katholischen Bistums Hildesheim ähnliche Fälle untersucht. Rosenbusch untersuchte die Taten in Oesede und den späteren Umgang der Kirche damit gemeinsam mit der Professorin für Soziale Arbeit, Christa Paul.

Der Beschuldigte war 1973 als Diakon in Ausbildung in der König-Christus-Gemeinde eingestellt worden. Oesede ist ein Ortsteil von Georgsmarienhütte. Die Recherchen der Aufarbeitungskommission ergaben, dass es neben Lisa Meyer mindestens sieben weitere Betroffene gibt, von ihnen waren mindestens drei schon damals den Verantwortlichen der Kirche bekannt. Zwischen dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe und der Kündigung des Diakons vergingen neun Monate. Laut Rosenbusch hätten Taten verhindert werden können, wenn es keine Vertuschung gegeben hätte. Der Mann sei noch bis Mitte der 80-er Jahre in einem örtlichen Sportverein als Betreuer tätig gewesen. Auch hier gab es sexualisierte Gewalt, in diesen Fällen waren die Betroffenen Jungen.

„Erhebliche Versäumnisse“ bescheinigt der unabhängige Bericht dem Landeskirchenamt in Hannover. Nachdem sich die Betroffene Lisa Meyer 2010 bei der Landeskirche gemeldet habe, sei die Gemeinde Oesede nicht zeitnah informiert worden, kritisierte Paul. Damals hätten die Taten umfassender aufgearbeitet werden können. Der beschuldigte ehemalige Diakon starb 2018. Die Betroffene Lisa Meyer habe zudem immer wieder negative Erfahrungen mit der noch bis in die 2020-er Jahre personell und fachlich schlecht ausgestatteten Ansprechstelle Sexualisierte Gewalt der Landeskirche gemacht.

Meyer saß während der Pressekonferenz im Publikum. Sie kritisierte unter anderem, dass sie nicht auf dem Podium zu ihrem Fall Stellung nehmen konnte. Hannovers Landesbischof Ralf Meister nahm den Bericht in Empfang. Er kündigte eine Stellungnahme der Kirche zu den Untersuchungsergebnissen in etwa zwei Wochen an.