Fußball

„Nur Pech ist das nicht“: Der Absturz von Hannover 96

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Sebastian Stiekel, dpa
Hannover Spieler stehen nach dem Schlusspfiff im Kreis auf dem Platz.

Hannover Spieler stehen nach dem Schlusspfiff im Kreis auf dem Platz.

Foto: Swen Pförtner/dpa/Archivbild

Nach der Derby-Niederlage in Braunschweig randalierten die Fans. Bei Hannover 96 spitzt sich gerade eine sportliche Krise zu, die niemand erwartet hatte.

Braunschweig/Hannover (dpa/lni). Nach der Rückkehr der Derby-Verlierer entlud sich in Hannover viel Frust und Aggression. Mehr als 100 Fans der 96er randalierten am Sonntagabend am eigenen Stadion, als die Mannschaft dort nach dem 0:1 (0:0) bei Eintracht Braunschweig wieder ankam. Die Polizei drängte sie unter anderem mit zwei Wasserwerfern zurück.

Trainer Stefan Leitl hatte es schon unmittelbar nach dieser völlig verdienten Niederlage geahnt: „Ich habe das Gefühl: Nach fünfeinhalb Monaten, in denen wir brutal viel investiert und eine wirklich ordentliche Vorrunde gespielt haben, ist mit dieser Niederlage heute sehr viel kaputtgegangen“, sagte der 45-Jährige. „Das bedeutet: Wir brauchen wieder sehr viel harte Arbeit, um das Vertrauen zurückzugewinnen.“

Sieben Wochen ist die zweite Saisonhälfte nach der langen WM- und Winterpause mittlerweile alt. Und Hannover 96 hat in dieser Zeit den steilsten Absturz aller 36 deutschen Proficlubs hingelegt. Nach der Hinrunde standen die Niedersachsen noch auf Platz fünf der 2. Fußball-Bundesliga - mit nur sechs Punkten Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz. Nach acht Rückrunden-Spielen ohne Sieg sind es bloß noch sechs Punkte, die sie vom ersten Abstiegsrang trennen.

„Das ist extrem heftig gerade“, sagte Stürmer Hendrik Weydandt. „Nur Pech ist das nicht. In so einem Derby kommt es auf Charakter, Mentalität und Mann sein an. Das waren wir heute nicht genug.“

Die große Frage in Hannover ist: Wie konnte das passieren? Beim Erzrivalen aus Braunschweig weiß jeder, warum die Mannschaft vor diesem Hochsicherheits-Duell nur noch eines von zwölf Zweitliga-Spielen gewann: Die Eintracht ist ein Aufsteiger, dem über Monate die besten Spieler ausfielen. Aber bei 96?

Es gibt keine großen Verletzungsprobleme und gab auch während der langen Vorbereitung auf diese Rückrunde keinerlei Anzeichen für einen solch dramatischen Einbruch. Mittlerweile aber sind gleich mehrere Leistungsträger auf einmal außer Form. So wie Havard Nielsen etwa, der noch immer zweitbeste Torschütze dieser Saison. Oder Julian Börner, der von Leitl auch öffentlich schwer angezählte stellvertretende Kapitän.

Der Trainer sprach nach der Niederlage in Braunschweig noch einen weiteren Punkt an: die Mentalität und Druckresistenz seines Teams. „Das ist nichts Neues. Wir hatten in der Hinrunde des Öfteren mal die Situation, in der auch ein bisschen Druck auf dem Kessel war - aber ein positiver Druck. Da hätten wir den nächsten Schritt gehen können und dort konnten wir ihn auch nicht gehen“, sagte er. „Wenn ihr heute die Mannschaftsaufstellung seht: Da war viel Erfahrung auf dem Platz. Das ist ein Thema, über das wir auch schon gesprochen haben: Die erfahrenen Spieler müssen vorangehen.“

Das verheerende Fazit des einstigen Aufstiegstrainers der SpVgg Greuther Fürth: „Mit vier Spielern wird es in der 2. Bundesliga schwierig, ein Spiel zu gewinnen.“ Elf andere, die in diesem Derby zum Einsatz kamen, hatten ihn enttäuscht.

Leitl war vor dieser Saison nach Hannover gekommen, um aus 13 neuen Spielern ein Team zu formen, dass spätestens in drei Jahren die ersehnte Erstliga-Rückkehr schaffen soll. Weil das immer noch möglich ist und die erste Hälfte dieser Saison so vielversprechend lief, ist sein Trainerjob bei 96 wohl aktuell noch nicht in Gefahr.

„Wir sind von Leitl absolut überzeugt“, sagte Mehrheitsgesellschafter Martin Kind erst vor zwei Wochen. Daran dürfte so schnell auch nicht einmal eine Niederlage etwas ändern, über die Stürmer Weydandt am Ende sagte: „Wir haben nicht nur ein Spiel verloren, sondern ein Derby.“

( © dpa-infocom, dpa:230319-99-13081/3 (dpa) )