Krankheiten

Niedersachsen schafft Klinikkapazitäten für Corona-Welle

Carola Reimann (SPD), Niedersachsens Gesundheitsministerin.

Carola Reimann (SPD), Niedersachsens Gesundheitsministerin.

Foto: dpa

Mit Hochdruck weitet Niedersachsen die Bettenkapazität für Corona-Kranke in den Kliniken aus. Andere Kranke werden in Reha-Kliniken verlegt und Behelfskrankenhäuser entstehen. Aber reicht das aus, um die Masse der erwarteten Patienten zu bewältigen?

Hannover. Angesichts der bevorstehenden Welle von Corona-Erkrankten arbeitet Niedersachsen mit Hochdruck an einer massiven Erweiterung der Krankenhauskapazitäten. Um in den Kliniken Platz für viele zusätzliche Corona-Patienten zu schaffen, sollen übrige Patienten in dafür geeignete Reha-Kliniken verlegt werden, wie Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) am Donnerstag in Hannover ankündigte. Auf dem Messegelände soll mit Bundeswehrhilfe ein erstes Behelfskrankenhaus für weniger schwer erkrankte Corona-Patienten entstehen. Weitere Behelfskliniken in anderen Städten sind geplant.

Mit der Nutzung von Reha-Kliniken könnten in Niedersachsen kurzfristig mehr als 1200 zusätzliche Betten in den Kliniken freigemacht werden, sagte Reimann. 77 solcher Kliniken gebe es in Niedersachsen. Ob sie geeignet seien, werde vor Ort entschieden. Ziel sei es, dass diese Ersatzkrankenhäuser leichter erkrankte Menschen aus anderen Krankenhäusern übernehmen, um dort Kapazitäten für die Corona-Behandlung zu schaffen.

Andernorts könnten auch in Behelfskrankenhäusern leichter erkrankte Covid-19-Patienten behandelt werden. In Hannover soll in den Messehallen 19 und 20 eine solche Klinik für 500 Patienten eingerichtet werden. Wie Bauminister Olaf Lies (SPD) erklärte, sei das Land mit weiteren Kommunen zur Einrichtung von Behelfskrankenhäusern im Gespräch.

Niedersachsen verfüge über rund 2400 Intensivbetten, perspektivisch solle diese Zahl angesichts der Corona-Epidemie verdoppelt werden, sagte Reimann. Wenn die vom Bund bestellte zusätzliche Beatmungsapparatur eintreffe, sollten zunächst 400 zusätzliche Betten in der Intensivmedizin mit einer Beatmungsmöglichkeit geschaffen werden - und zwar in den sogenannten Kliniken der Maximalversorgung, das sind große und optimal ausgestattete Krankenhäuser. Wann das Material eintrifft, konnte die Ministerin zunächst nicht sagen.

Die Zahl der Infizierten stieg in Niedersachsen am Donnerstag auf 2726 Fälle, 413 mehr als am Vortag. 354 Betroffene müssen in Kliniken behandelt werden, 84 davon auf der Intensivstation. 69 davon werden künstlich beatmet. Elf Menschen sind in Niedersachsen bislang an der Krankheit gestorben. 201 Menschen gelten inzwischen als genesen.

Das Problem zu geringer Bettenkapazitäten in vielen deutschen Krankenhäusern muss auch aus Sicht des Robert Koch-Instituts (RKI) dringend angegangen werden. Nur so sei es möglich, dass Kliniken bei einer potenziellen starken Zunahme schwerer Covid-19-Verläufe nicht an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Bisher gab es bundesweit rund 28 000 Betten für Intensivpatienten, die Bundesregierung will diese Menge nun deutlich aufstocken. Doch selbst bei der geplanten Verdoppelung der Bettenzahl durch das Nothilfe-Programm könnten zahlreiche Menschen mit schweren Lungenkomplikationen in ungünstigen Szenarien nicht angemessen versorgt werden.

Das RKI testete jüngst verschiedene Modelle, in denen die erwarteten notwendigen Bettenzahlen hochgerechnet werden - unter bestimmten Start- und Randbedingungen. Die Forscher setzten den Bettenbedarf dabei vor allem in Bezug zur Frage, wie gut es gelingt, bereits an Covid-19 erkrankte Menschen zu isolieren, damit die Infektion nicht noch auf weitere Personen überspringt.

Ergebnis: Der "Anteil erfolgreich isolierter Erkrankter" dürfte tatsächlich ein entscheidender Faktor sein. Der Simulation zufolge könnten bei 20 Prozent konsequent abgeschotteter Kranker zwischen 50 000 und 100 000 Intensivbetten auf dem Höhepunkt der Corona-Welle bei paralleler Nutzung nötig sein. Dies gilt unter der Annahme, dass es noch keinerlei Immunität gegen das neue Virus gibt und die Jahreszeit keinen Einfluss auf die Verbreitung des Erregers hat.

Gelingt es dagegen, 40 Prozent der Covid-19-Kranken zu isolieren, sinkt die notwendige Intensivbetten-Zahl schon auf deutlich unter 50 000. Bei 50-prozentiger Isolation sind es in dem Szenario noch einmal spürbar weniger. Bei Annahme stärkerer Jahreszeiten-Effekte (Saisonalität) sinken die erforderlichen Anzahlen an Intensivbetten zusätzlich. Ähnliche Trends gibt es dabei auch für die Menge der nötigen Krankenhausbetten insgesamt.

Das Modell zeigt, dass das Befolgen sozialer Distanzierung eine wesentliche Bedingung dafür sein dürfte, die Intensivmedizin in der Corona-Krise nicht zu überfordern. Denn die Resultate gelten nur, wenn gleichzeitig deutlich mehr als die Hälfte der infizierten Kontaktpersonen der Kranken (60 Prozent) in Quarantäne sind. Laut RKI zeigt die Gesamtanalyse damit, "dass durch intensivere Maßnahmen zur Isolation von Erkrankten und Quarantäne enger Kontaktpersonen nach und nach die Anzahl der parallel benötigten Krankenhaus- und Intensivbetten deutlich reduziert werden kann".