Kriminalität

Experten streiten über Notwendigkeit von Tierversuchen

Demonstration gegen Tierversuche.

Demonstration gegen Tierversuche.

Foto: dpa

Die niedersächsischen Grünen fordern mehr staatliche Kontrollen der Labore, die FDP hält Tierversuche in einigen Bereichen für vermeidbar. Tierschutzbefürworter sehen dagegen ganz andere Probleme.

Hannover. Blutende Hunde, gefesselte Affen: Die heimlich aufgenommenen Bilder aus einem Tierversuchslabor südlich von Hamburg haben viele Menschen erschüttert. Gegen den Betreiber ermittelt die Staatsanwaltschaft Stade. Bei einer Experten-Anhörung wollten niedersächsische Politiker am Mittwoch herausfinden, wie die Situation in anderen Laboren aussieht und welche Alternativen es zu den Experimenten gibt. Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche beklagte im Agrarausschuss des Landtags, dass Milliarden Euro in die Forschung mit Tierversuchen fließen, während nur rund 20 Millionen für die Erprobung von Alternativen bereitgestellt werden.

Dabei könnten zum Beispiel Stoffe im Computermodell genauer getestet werden als im Tierversuch, sagte die Biologin Julia Radzwill von Ärzte gegen Tierversuche. Vielversprechend sei auch die Arbeit mit zurückprogrammierten Stammzellen, aus denen etwa Nieren- oder Leberzellen gewonnen werden können. So genannte Multi-Organ-Chips seien zudem kostengünstiger als genmanipulierte Mäuse.

Dagegen betonte André Bleich vom Institut für Versuchstierkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Wichtigkeit der Experimente. "Es werden weiterhin Tierversuche notwendig sein", sagte er. Andernfalls werde Deutschland in der Forschung nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Die Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren zum Beispiel - eine Revolution in der Krebstherapie - beruhe auf Erkenntnissen mit Mäusen in den 1970er und 80er Jahren, sagte Bleich.

Wie die Bundesregierung im Dezember mitteilte, wurden 2018 insgesamt gut 2,8 Millionen Tiere in Versuchen "verbraucht", das waren fast 20 000 mehr als im Vorjahr.

Die Missstände im Labor LPT in Mienenbüttel im Kreis Harburg seien kein Einzelfall, sagte Katy Taylor von Cruelty Free International. Der britische Verein hatte die Tierschutzverstöße gemeinsam mit der deutschen Soko Tierschutz aufgedeckt. "Das Problem ist, dass die Experimente hinter verschlossenen Türen gemacht werden", sagte sie. Notwendig seien mehr Kontrollen und strengere Vorschriften.

Laut Ärzte gegen Tierversuche entfallen mehr als die Hälfte der Tierversuche in Deutschland auf die Grundlagenforschung. Nur 0,3 Prozent dieser Versuche lassen sich Radzwill zufolge tatsächlich auf den Menschen übertragen. "Das ist desaströs wenig", kritisierte sie. Auch von hundert an Tieren getesteten Medikamenten gelangten später nur fünf tatsächlich auf den Markt.

Die Alternativen, die auch an der MHH erforscht würden, hätten ein großes Potenzial, räumte auch Bleich ein. Für den medizinischen Fortschritt seien aber auch weiterhin Tierversuche notwendig. Täglich setzten sich in der Tierhaltung der MHH zahlreiche Tierärzte, Biologen und Tierpfleger für das Wohl der Tiere ein.

Bei LPT in Mienenbüttel wurden im Dezember die letzten genehmigten Tierversuche beendet. Für Versuche mit Affen hatte das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz (Laves) schon zuvor die Genehmigung entzogen. Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt wegen Verstößen gegen den Tierschutz. Parallel prüft der Landkreis Harburg, ob dem Betrieb die Genehmigung entzogen werden kann. LPT hat seinen Hauptsitz in Hamburg.

Die Landesregierung müsse Tierversuchslabore strenger kontrollieren, damit unhaltbare Zustände wie bei LPT in Mienenbüttel gar nicht erst auftreten, sagte die Grünen-Politikerin Miriam Staudte. "Wir fordern zudem dringend eine Verschärfung des Bundestierschutzgesetzes." Der FDP-Abgeordnete Hermann Grupe sagte: "Es gibt Bereiche, in denen Tierversuche unvermeidbar sind." Sie sollten jedoch auf das allernötigste Maß beschränkt werden. "Die Bilder aus dem Labor in Harburg waren unsäglich. So etwas darf sich nicht wiederholen."