Kriminalität

Pädagogenpaar wegen Missbrauchs in Wohngruppe vor Gericht

Eine Hinweistafel weist auf das Amtsgericht, das Landgericht und die Staatsanwaltschaft Hildesheim hin.

Eine Hinweistafel weist auf das Amtsgericht, das Landgericht und die Staatsanwaltschaft Hildesheim hin.

Foto: dpa

Ein Haus in Gifhorn nahm rund 25 Jahre lang hilfebedürftige Kinder auf. Jetzt sitzt das Ehepaar, das die Gruppe Tag und Nacht betreute, in Untersuchungshaft. Hat der Mann Mädchen sexuell missbraucht und gequält und die Frau weggeschaut?

Hildesheim. Ausgerechnet in einer Wohngruppe für hilfebedürftige Kinder sollen vier Mädchen Opfer sexueller Gewalt und Misshandlungen geworden sein. Seit Donnerstag steht ein Pädagogenpaar aus Gifhorn wegen der vorgeworfenen Taten im Zeitraum zwischen 1998 und 2007 vor dem Landgericht Hildesheim. Dem 56 Jahre alten Ehemann wird elffacher sexueller Missbrauch und Misshandlung von Schutzbefohlenen in fünf Fällen vorgeworfen. Seine 60-jährige Frau ist in fünf Fällen angeklagt, weil sie bei den Misshandlungen nicht eingeschritten sei und einmal geholfen haben soll.

Beide hatten seit 25 Jahren bis zu sieben Kinder und Jugendliche in ihrem Haus betreut - viele blieben einige Jahre. Eine frühere Bewohnerin war im Januar zur Polizei gegangen, daraufhin schloss der Träger die seit rund 25 Jahren bestehende Einrichtung. Seit März sitzt das Paar in Untersuchungshaft.

Staatsanwältin Christina Pannek beschrieb in ihrer Anklage die vorgeworfenen Taten mit abscheulichen Details. In mindestens zwei Fällen soll es zu einem schweren sexuellen Missbrauch gekommen sein. Der Angeklagte habe ausgenutzt, dass das Paar die Obhut und Fürsorge für die Kinder ausübte und dass der Alltag gemeinsam gelebt wurde, sagte die Staatsanwältin. Sexuelle Übergriffe soll es in der Badewanne, unter der Dusche und im Betreuerschlafzimmer gegeben haben. Die Opfer waren demnach zwischen 6 und 14 Jahre alt.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll ein Kind damit bestraft worden sein, dass es eine Woche lang übereinandergeklebte Windeln tragen musste, die nicht geleert wurden, was ihm erhebliche Schmerzen zufügte. Zudem soll ein Mädchen in einen Hundekäfig gesperrt und ihm Hundefutter vorgesetzt worden sein. Ein Kind soll mehrere Tage im Haus eingesperrt worden sein, während die Gruppe einen Ausflug machte.

Die selbst kinderlosen Eheleute zeigten im Gericht zunächst kaum Regungen. Als sie in den Saal geführt wurden, verdeckten beide ihre Gesichter mit gelben Mappen. Auf die Mappe des 56-Jährigen war ein Smiley mit geradem Mund gemalt. Der schlanke Mann mit Vollbart und Stirnglatze sah im Gesicht mitgenommen aus und wirkte weit älter. Die Frau mit Pagenkopf und Lesebrille gab sich forsch und wollte der Vorsitzenden Richterin nicht ihre frühere Anschrift nennen.

Beide klagen vor dem Arbeitsgericht Braunschweig gegen ihre fristlosen Kündigungen. Die 60-Jährige will nach Angaben des Trägers, der die Gruppe 2007 übernahm, weiter Kinder betreuen.

Die Angeklagten äußerten sich zum Prozessauftakt zu den Vorwürfen, zuvor wurde allerdings die Öffentlichkeit auf Antrag der Verteidigung ausgeschlossen, weil ihre Intimsphäre zur Sprache kam. Außerdem sollte die Privatsphäre der Opfer geschützt werden.

Die vier früheren Bewohnerinnen sollen als Zeuginnen gehört werden und sind Nebenklägerinnen. Eine 33-Jährige war beim Prozessauftakt dabei, sie war eine Zeit lang um das Jahr 2000 herum in der Gruppe. Seine Mandantin habe sich schon damals wegen der Taten einer Betreuerin anvertraut, die aber beim damaligen Träger der Einrichtung kein Gehör gefunden habe, sagte ihr Rechtsanwalt Lutz Kesselhut. Dann habe sie über Jahre nicht darüber sprechen können. "Für meine Mandantin war es eine Tortur. Sie hat es umfassend verdrängt", sagte der Anwalt. Erst durch die Anzeige einer früheren Mitbewohnerin sei alles wieder hochgekommen.

Im Zeitraum der mutmaßlichen Übergriffe von 1998 bis 2007 war die Diakonie Kästorf Träger der Familienwohngruppe. Sie hatte sich 2007 von dem Paar getrennt, neuer Träger wurde Life Concepts Kirchröder Turm. Der Grund für die Trennung seien aber nicht Hinweise auf sexuellen Missbrauch gewesen, erklärte die Dachstiftung Diakonie. In der Gruppe seien auch Kinder untergebracht gewesen, die in der Vergangenheit Traumatisches erlebt hatten. Wie die Staatsanwaltschaft im Mai berichtete, hatte der 56-Jährige zunächst zu den Vorwürfen gesagt, dass es sich um "Re-Inszenierungen" vergangener Erlebnisse gehandelt habe.