Bildung

"Brille kaputt ...": Wenn Erwachsenen Lesen schwer fällt

Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft.

Ein Analphabet schreibt Sätze zur Übung in ein Schulheft.

Foto: dpa

Der Welttag der Alphabetisierung will auf Erwachsene aufmerksam machen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Die Zahl der Betroffenen ist groß - auch in Niedersachsen. Um durchs Leben zu kommen, legen sie sich kreative Strategien zurecht.

Oldenburg. "Meine Brille ist kaputt" oder "ich habe mir den Finger verletzt" - so klingen mitunter die Ausreden von Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. In Niedersachsen sind das derzeit schätzungsweise 620 000 Erwachsene. Diese Zahl nennt die Volkshochschule Oldenburg auf der Basis einer bundesweiten Studie aus dem vergangenen Jahr, die vom Bundesbildungsministerium gefördert wurde. Immerhin: Betroffen sind damit rund 130 000 Menschen weniger als noch im Jahr 2011, wie Achim Scholz sagt, der an der Volkshochschule in Oldenburg für das Thema Alphabetisierung und Grundbildung zuständig ist.

Beim Welttag der Alphabetisierung wurde am Sonntag auf die Situation der Betroffenen aufmerksam gemacht. Bundesweit gab es 2018 laut der Studie 6,2 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten, die keine zusammenhängenden Sätze lesen und schreiben können. 2011 waren 7,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren betroffen.

Der Bundesverband Alphabetisierung gibt trotz der sinkenden Zahlen keine Entwarnung: "Das ist auch eine demografische Entwicklung", sagte Geschäftsführer Ralf Häder der Deutschen Presse-Agentur. Analphabetismus betreffe vor allem ältere Menschen, weil nicht ausgereifte Schriftkenntnisse im Alter wieder verlernt würden. Primäre Analphabeten, also Menschen ohne jegliche Lese- und Schreibkenntnisse, gebe es unter den Bundesbürgern nicht.

Betroffene können nach den Erfahrungen des Bundesverbandes Alphabetisierung nur schwer eigenverantwortlich in der Gesellschaft zurechtkommen. "Vor 30 Jahren konnten Menschen in Deutschland auch mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen noch gut leben." Das sei in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung anders. Zwar sind 60 Prozent der Betroffenen laut Studie berufstätig, die meisten aber in prekären und befristeten Jobs.

Viele entwickeln nach Angaben von Ralf Häder ein fotografisches Gedächtnis und kompensieren fehlende Lese- und Schreibkenntnisse mit Auswendiglernen. "Häufig haben Betroffene auch einen Menschen, der hilft. Zum Beispiel einen Kollegen, dem man die schwere Arbeit abnimmt und der im Ausgleich dazu die Schreibarbeit erledigt."

Ein entscheidender Faktor sei das Elternhaus. Legten Eltern auf Lesen und Schreiben wenig Wert oder könnte dies selber kaum, so wirke sich das auch auf die Kinder aus. "Manchmal haben Familien auch schlicht andere, auf den ersten Blick größere Probleme zu bewältigen."

Um die Zahl der Analphabeten zu senken, wurden in Niedersachsen seit 2012 an acht Standorten Grundbildungszentren eingerichtet: In Braunschweig, Göttingen, Hameln, Hannover, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück und Stade. Die Landesregierung will zudem zwei weitere Zentren einrichten, kündigt eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums an. "Lesen und Schreiben sind die Grundlage für soziale und berufliche Teilhabe", betont Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU).

Die Schriftsprache im Erwachsenenalter zu erlernen, ist für Betroffene eine große Hürde, wie der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung sagt. "Viele haben aus Schulzeiten verinnerlicht, dass sie dumm sind und nichts lernen können." Schreiblernkurse knüpften dann an negative Erfahrungen aus Schulzeiten an.

Bundesweit lernen nach Angaben der VHS Oldenburg nur 1 Prozent der Betroffenen, also 40 000 Menschen, Lesen und Schreiben in Kursen an den Volkshochschulen. Von den etwa 12 000 Betroffenen der Stadt besuchten in Oldenburg momentan 170 Personen den Schreibunterricht für Erwachsene. "In den Kursen der Volkshochschulen hat sich über die Jahre nicht viel getan", urteilt Häder. "Als Lösungsstrategie greifen sie nicht." Viele Betroffene schrecke schon das Wort "Hochschule" ab.

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung wünscht sich deshalb Quartiersarbeit. "Wir müssen zu den Tafeln und in die Fußballfanclubs und dort Betroffene vom Mehrwert des Lesens und Schreibens überzeugen."

Nach den Erkenntnissen der vom Bundesbildungsministerium geförderten Studie "LEO 2018" sind rund 60 Prozent der funktionalen Analphabeten Männer, 40 Prozent Frauen. 53 Prozent davon haben Deutsch als Muttersprache, 47 Prozent haben einen Migrationshintergrund und als erstes eine andere Sprache gelernt.