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Lehre bei Abiturienten beliebter: Wirtschaft sieht Reserven

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Das Logo der Agentur für Arbeit.

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Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Immer mehr Ausbildungsplätze werden einer Studie zufolge von Abiturienten besetzt, während es für Hauptschüler schwerer wird. Doch macht sich der bundesweite Trend in Mecklenburg-Vorpommern scheinbar noch nicht so stark bemerkbar.

Gütersloh/Schwerin (dpa/mv). Die Werbung von Industrie- und Handwerksbetrieben um Berufsnachwuchs mit Abitur zahlt sich in Mecklenburg-Vorpommern bislang offenbar weniger aus als in vielen anderen Bundesländern. Wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie für die Bertelsmann-Stiftung hervorgeht, betrug der Anteil der Abiturienten, die sich für eine Lehre entschieden, im Jahr 2021 bundesweit 47,4 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es 35 Prozent.

Eine Umfrage unter den Industrie- und Handels- sowie den Handwerkskammern im Nordosten ergab, dass der Anteil der Berufsschüler mit Abitur dort zwischen 18 und 25 Prozent liegt. Hinzugerechnet werden müssen aber Gymnasiasten, die sich statt für ein Studium für eine Ausbildung in der Verwaltung oder bei öffentlichen Körperschaften entscheiden. Dazu lagen keine Angaben vor.

Auch im Vorjahr waren in Mecklenburg-Vorpommern viele Lehrstellen unbesetzt geblieben, weil es zunehmend an Bewerbern mangelt. Allein im Handwerk, in dem landesweit rund 2000 junge Leute eine Ausbildung begannen, blieben fast 1300 Plätze offen. Als Gründe für den Mangel gelten vor allem die demografische Entwicklung und eine nach wie vor hohe Studierneigung.

Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern, Jens-Uwe Hopf, mahnte eine ausgewogenen Berufsberatung an. „Um die Karrieremöglichkeiten bis zur beruflichen Selbstständigkeit aufzuzeigen, bedarf es auch an den Gymnasien einer Studien- und Berufsorientierung, die über akademische und berufliche Bildungswege gleichermaßen informiert. Wie digital, zukunftsorientiert und nachhaltig das Handwerk ist, erfahren Jugendliche in den Schulen und besonders in Gymnasien oft nicht ausreichend genug“, beklagte Hopf.

Ob in den Gesundheitsberufen, im Elektro- oder im Nahrungsmittelhandwerk - in allen Regionen und allen Branchen würden motivierte junge Menschen mit verschiedenen Talenten, Fertigkeiten und Fähigkeiten gebraucht. Die Gleichstellung beruflicher und akademischer Bildung müsse aber auch von der Politik mit Taten untersetzt werden, etwa indem der Meister dem Bachelor und der Betriebswirt des Handwerks dem Master gleichgestellt werde.

Wie die für die Bertelsmann-Stiftung erstellte Studie weiter zeigte, wird es für junge Menschen mit Hauptschulabschluss aber auch immer schwerer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. So verringerte sich zwischen 2011 und 2021 der Anteil der Jugendlichen, die mit Hauptschulabschluss eine Lehre anfingen, demnach um ein Fünftel. Für junge Menschen ohne Schulabschluss spitzte sich die ohnehin schwierige Situation zuletzt zu: Die Übergangsquote lag der Studie zufolge 2021 bei 30 Prozent. In den vergangenen 15 Jahren hatte sie um die 35 Prozent geschwankt.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack sagte, es passe nicht zusammen, wenn Arbeitgeber einerseits über fehlende Bewerber klagten, auf der anderen Seite aber vielfach eine „Bestenauslese“ betrieben. „Auch Jugendliche mit Hauptschulabschluss brauchen Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“ Es gebe ein enormes Potenzial für mehr Ausbildung und damit zur Linderung des Fachkräftemangels. Das ungenutzt zu lassen, könne sich die Gesellschaft nicht leisten. Bei der geplanten Ausbildungsgarantie müsse nachgebessert werden. Die Ampelparteien haben die Garantie in ihrem Koalitionsvertrag verankert.

Das hält die Deutsche Industrie- und Handelskammer für den falschen Weg. „Die Ausbildungschancen für junge Menschen sind heute besser denn je - von der Hauptschule bis zum Abitur“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Zuletzt habe es dreimal mehr offene Ausbildungsstellen als Bewerber gegeben. „Wir haben daher momentan keinen Mangel an Chancen, sondern vielmehr einen Mangel an Orientierung.“ Ein Ausbau der Berufsorientierung und eine bessere Vermittlung seien die richtigen Maßnahmen, meinte auch Dercks.

Die Linken-Politikerin Nicole Gohlke kritisierte: „Es läuft was gründlich schief im Bildungssystem, wenn 630.000 Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren komplett durchs Raster fallen.“ Statt nur die Besten zu fördern, müsse der Staat mehr für jene tun, die Probleme bei der Ausbildungssuche hätten. Sie forderte etwa ein Recht auf Ausbildung.

Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse ging der Studie zufolge im langfristigen Vergleich zurück: Während beim letzten Höchststand 2007 gut 844.000 Menschen in Ausbildung waren, lag die Zahl 2021 bei 706.000. Einen Einschnitt bedeutete hier die Pandemie. In den Jahren davor war die Zahl leicht gestiegen.

( © dpa-infocom, dpa:230124-99-338271/4 (dpa) )