Wirtschaftspolitik

Neue Seidenstraße erreicht MV: Erster Güterzug kommt

Die Fährverbindungen von Sassnitz-Mukran auf Rügen über die Ostsee zu russischen Häfen erfüllten die einst hochgesteckten Ziele bislang nicht. Nun soll ein Großprojekt der Chinesen dem Seeverkehr von Mecklenburg-Vorpommern aus neue Impulse verleihen.

Schwerin/Mukran. Mecklenburg-Vorpommern findet Anschluss an die von China vorangetriebene "Neue Seidenstraße". Am Dienstag soll auf einem nördlichen Strang des transkontinentalen Handelsweges der erste Güterzug ankommen. Etappenziel des Anfang November im zentralchinesischen Xi‘an gestarteten Premierenzuges ist nach einer Fährfahrt vom russischen Baltysk aus über die Ostsee der Hafen Mukran auf Rügen. Von dort sollen die Containerwaggons mit Konsum- und Industriegütern weiter nach Hamburg rollen, wie das Verkehrsministerium in Schwerin mitteilte.

Ressortchef Christian Pegel (SPD) sieht in dem Zug "ein erstes sichtbares Ergebnis" langjähriger Bemühungen, Mecklenburg-Vorpommern an die "Neue Seidenstraße" anzubinden. Vor allem für die Ostseehäfen sieht er erhebliche Wachstumspotenziale durch die neuen Handelswege, die wegen des damit wachsenden Einflusses Chinas auch auf einzelne Länder politisch und ökonomisch allerdings heftig umstritten sind.

"Die Warenströme zwischen China und Westeuropa sind seit Jahrzehnten unterwegs und gewachsen - ohne, dass damit Bedenken verbunden wurden", hält Pegel den Kritikern entgegen. Bislang laufe der Handel aber vor allem über Containerschiffe und dauere damit lang. Der Transport per Zug sei zwar teurer, dafür aber um ein Vielfaches schneller. "Es werden also keine neuen Märkte geöffnet, die es bislang nicht schon gegeben hat. Es werden mit den Zugverkehren aber erstmals Möglichkeiten eröffnet, dass diese Warenströme - auch - über Mecklenburg-Vorpommern transportiert werden", betonte Pegel, der seit langem zu den Befürwortern der "Neuen Seidenstraße" gehört.

Die Landesregierung habe im Interesse der Häfen im Land kontinuierlich Kontakt zu den russischen Partnerhäfen gehalten und sehe mit der "Neuen Seidenstraße", die auch über Russland nach Mittel- und Nordeuropa führe, die Chance, Rostock und Sassnitz-Mukran zu Drehscheiben im Ostseeraum zu entwickeln. Vor allem die langjährige Logistikverbindung zwischen russischen Ostseehäfen und Mukran können genutzt werden, um eine schnelle und lückenlose Ost-West-Verbindung sicherzustellen, erklärte Pegel. Bei Testfahrten gelte es nun den Beweis anzutreten, dass die deutsch-russischen Transportstrecke allen Ansprüchen genüge. Doch davon sei er überzeugt, sagte Pegel.

Der Hafen in Mukran war noch von der DDR für den Fährverkehr nach Klaipeda im damals zur UdSSR gehörenden Litauen errichtet worden. Hintergrund waren Liberalisierungsbestrebungen in Polen. Die DDR und die UdSSR wollten eine landunabhängige, sichere Verbindung schaffen, um Waren und Militärtechnik transportieren zu können. Mukran verfügt als einziger deutscher Hafen über ein knapp 30 Kilometer langes Breitspur-Schienennetz, wie es in Russland üblich ist. 2012 war eine neue Eisenbahn-Fährverbindung nach Ust-Luga bei St. Petersburg eröffnet worden, die aber - auch wegen der 2014 verhängten Handelssanktionen infolge des Ukraine-Konflikts - wegen mangelnder Fracht hinter den Erwartungen zurückblieb.

Vor diesem Hintergrund betonte Pegel die Notwendigkeit, auf der "Neuen Seidenstraße" Rückladungen gen China zu organisieren. "Solch eine Bahnverbindung ist nur wirtschaftlich, wenn die Züge nicht leer zurückfahren müssen. Hier haben wir noch eine Herkulesaufgabe vor uns", sagte Pegel. Aber es sie die Mühe wert.

Im Gespräch mit der "Ostsee-Zeitung" (Donnerstag) äußert sich hingegen der Greifswalder Wirtschaftswissenschaftler Professor Jan Körnert kritisch zum Projekt. Die von China initiierte "Neue Seidenstraße" verspreche den Beteiligten zwar Wohlstandssteigerung. Er schätze aber die Gefahr einer "Kolonialisierung der asiatischen Binnenstaaten durch China für deutlich höher ein als die wirtschaftspolitischen Chancen", sagte Körnert der Zeitung. Zudem sei China ein autoritäres Regime. Bei Großprojekten sollten daher langfristige wirtschaftspolitische Ziele des Investors beachtet werden. "Staatsfonds autoritärer Regime können über Großinvestitionen leicht demokratie- und rechtsstaatsfeindliche Ziele verfolgen", meinte Körnert.