Prozesse

Stralsunder Mord-Prozess: Angst vor aggressivem Angeklagten

Gerichtsakten stehen im Landgericht von Stralsund auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft.

Gerichtsakten stehen im Landgericht von Stralsund auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft.

Foto: dpa

Wie kommt jemand auf die Idee, einfach mal sehen zu wollen, wie ein Mensch stirbt. Antworten auf diese Frage werden beim Prozess um die Ermordung der 18-jährigen Maria gesucht. Eine Freundin beschreibt, wie sie die Tote gefunden hat: "Sie war bestialisch zugerichtet."

Stralsund. "Sie fehlt mir so sehr, sie ist meine erste Tochter!" Die Mutter der ermordeten Maria aus Zinnowitz auf der Insel Usedom muss heftig schluchzen, als sie am Donnerstag im Stralsunder Landgericht aussagt. Dort müssen sich zwei 19 und 21 Jahre alte Angeklagte wegen Mordes verantworten. Sie wollten nach der Angaben des 19-Jährigen einen Menschen sterben sehen und hatten sich dafür Mitte März die schwangere Maria ausgesucht.

Die Mutter berichtet, dass ihr Maria gesagt habe, dass sie schwanger sei. "Ich bin deine Mutter, ich werde dich begleiten", habe sie geantwortet. Nicht nur die Mutter weint in diesem Augenblick, auch im Publikum ist viel Weinen und Schnäuzen zu hören. Die mutmaßlichen Täter und Maria waren befreundet, haben auch zusammen Familienfeste gefeiert, wie die fassungslose 47-Jährige weiter sagt.

Am ersten Prozesstag hatte der 19-Jährige einen Großteil der Schuld auf sich genommen. Der Mitangeklagte hatte laut seiner vom Anwalt verlesenen Erklärung zufolge nur zugesehen und es nicht fassen können, dass diese Tat nun tatsächlich geschehe.

Aufschluss erhofft sich das Gericht unter anderem von einer Mitarbeiterin im Jugendclub, wo sich die Angeklagten, Maria und andere Jugendliche des kleinen Ostseebades regelmäßig trafen. Die Mitarbeiterin war auch die beste Freundin Marias. "Sie war lustig und offen, jeder hat sie geliebt", sagte die Zeugin. Maria habe voller Glück die Ultraschallbilder ihres Babys gezeigt.

Die besorgte Mutter hatte die Freundin am Tag nach der Tat gebeten, nach Maria zu schauen. So hatte sie das Opfer gefunden. "Sie war bestialisch zugerichtet", sagt die Freundin. Der Gerichtsmediziner hatte 19 Einstiche gezählt, in Kopf, Hals und Extremitäten. Es sei ihr klar gewesen, dass der Täter aus dem Bekanntenkreis kommen musste, da Maria keine Fremden hineinließ. Den jüngeren Angeklagten beschrieb die Clubmitarbeiterin als jähzornig und aggressiv.

Diese Aggressionen werden auch im Gerichtssaal deutlich, als dessen Ex-Freundin als Zeugin vernommen wurde. Die Richterin musste einige Besucher ermahnen, in der Pause von der Ex-Freundin weiträumig Abstand zu halten. Nach der Mittagspause wollte der Angeklagte dann neben den obligatorischen Fuß- auch freiwillig die Handfesseln tragen. Er habe selbst darum gebeten, sagt sein Anwalt. "Noch ist nichts passiert." Zuvor hatte schon der Anwalt des Mitangeklagten berichtet, dass dieser vom 19-Jährigen bedroht worden sei.

Gegen die Ex-Freundin des 19-Jährigen wird ermittelt, weil sie von der Tat gewusst und der Polizei nichts gesagt haben soll. Vor der Tat habe sie die Worte des auch ihr gegenüber aggressiven und gewalttätigen Angeklagten nicht Ernst genommen, wenn er von seinen Mordfantasien gesprochen habe. Er solle aufhören rumzuspinnen. Selbst als er sich am Tatabend betrunken verabschiedete, ein Messer zeigte und das Verbrechen angekündigte, habe sie ihm nicht geglaubt.

Dann sei er nachts nach Hause gekommen und habe gesagt, dass sie das jetzt durchgezogen hätten. Dann habe sie Blut an seinen Händen und später an seiner Unterhose entdeckt. "Ich war fassungslos." Auf die drängenden Nachfragen der Richterin, wie sie noch vier Wochen neben ihm leben und schlafen konnte, sagte sie, dass sie von ihm bedroht worden sei. Mit einem Messer an ihrem Hals habe er gesagt, dass sie die nächste wäre, wenn sie zur Polizei ginge. Sie hätte immer Angst gehabt. "Haben sie nie gedacht, das ist eine tickende Zeitbombe", fragte die Richterin. "Ist jetzt halt so, keine Ahnung", antwortet die junge Frau.