Computersucht

Identitätssuche als Abenteuer gegen Abhängigkeit

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Ein neues Präventionsprojekt der Stiftung Medien- und Onlinesucht in Lüneburg soll speziell Jungen vor Mediensucht schützen.

Lüneburg. Es werden Köpfe rollen. Wochenlange Vorbereitungen sollen sich auszahlen. Exakt um 19 Uhr stürzt sich der Gnomenkrieger Thanatos in den Kampf gegen die finsteren Gestalten der "Festung der Stürme". Fünfundzwanzig Augenpaare starren gebannt auf ihren Bildschirm; bei einigen Monitoren blinken bunte Balken, über andere schießen Zahlen und Befehle. Mitten unter den Spielern: der Schurke "Mordor", im wahren Leben Timo S. (Name geändert).

Seine Aufgabe: möglichst viel Schaden anrichten, und zwar unbemerkt. Die Aufmerksamkeit der Gegner sollen Schutzcharaktere wie Thanatos auf sich ziehen, deren Lebenspunkte von den "Heilern" hochgehalten werden. "Scheiße!" schreit es aus dem Headset. Jemand hat einen Fehler gemacht, Thanatos ist tot. Zwei Minuten darauf ist alles vorbei. Timos Tastatur fliegt gegen die Wand, und er brüllt seinen Ärger hinaus. Die Nachbarn stört das nicht, sie sind das gewohnt. Eigentlich sind sie sogar froh, denn je früher er schreit, desto wahrscheinlicher ist es, dass Timo nicht spätnachts in der Küche zu hantieren beginnt. Doch um fünf Minuten nach zwei schiebt der Student eine Fertigpizza in den Ofen - schließlich ist die Nacht noch jung.


Heute, zwei Jahre später, ist Timo stolz, dass er nicht mehr spielt. "Es war eine Katastrophe. Wenn ich zurückdenke, könnte ich heulen. Wie viel Zeit ich in World of Warcraft investiert habe, was ich stattdessen hätte schaffen können - es macht mir Angst." Der 25-Jährige weiß jetzt, dass er süchtig war. Sein Tag begann mit dem Einloggen in die virtuelle Spielwelt und endete mit dem Ausschalten des Computers. Im Schnitt hat Timo nach eigener Schätzung mindestens 84 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm verbracht. Manchmal ist er zwischendurch zur Uni gegangen, oft hat er es bleiben lassen. Freunde hatte er viele - allerdings nicht im wirklichen Leben , denn je mehr Zeit er für das Spiel aufbringen konnte, desto erfolgreicher und damit angesehener wurde er dort, und irgendwann konnte er den PC kaum noch ausschalten.

Für den Berufsschulpastor Bernd Werner von der Stiftung Medien- und Onlinesucht in Lüneburg beginnt an dieser Stelle die Gefahr. "Sobald ein Kontrollverlust auftritt und die Mediennutzung zur Zwangshandlung wird, ist es Suchtverhalten", stellt der evangelische Pastor klar, "besonders oft betroffen sind natürlich Jungen, aber treffen kann es jeden." In der Beratungsstelle der Stiftung in der Innenstadt, gebe es vor allem Anrufe von besorgten Müttern, aber auch Ehefrauen und Freundinnen bäten um Hilfe, wenn ihre Männer und Freunde nicht mehr vom heimischen Computer wegzubekommen seien.

Es gehe dabei nicht nur um Computerspiele wie World of Warcraft oder Counterstrike, sondern auch um ununterbrochenes Schauen von Serien (in sogenannten Streams) oder andauerndes Chatten. Seit drei Jahren engagiert sich Bernd Werner zusammen mit dem heute neunköpfigen Team der Stiftung für einen bewussten Umgang mit dem Thema Mediensucht. Als dem Vater von drei Kindern während seiner Arbeit als Berufsschulpastor auffiel, dass mehr und mehr Probleme dieser Art auftraten, wurde ihm klar: "Da musste etwas passieren." Die ersten Schritte in diese Richtung seien getan, die Beratungsstelle bekomme bereits Anrufe aus ganz Deutschland, erklärt Bernd Werner. Zu unterschiedlichen Aktionen wie Telefonberatung und der Arbeit an Schulen komme nach den Sommerferien ein völlig neues Projekt, das sich gezielt an Jungen richte.


"Wir werden eine Aktion ins Leben rufen, um Jungen im Alter zwischen sieben und elf Jahren Alternativen für ihre Freizeitgestaltung zu bieten. Dadurch soll das Maß der Mediennutzung von vornherein geringer ausfallen." Zusammen mit ihren Vätern sollen sich die Kinder auf eine Identitätssuche zwischen realer und medialer Welt begeben und dort viel lernen. Zehn Wochen lang werden die Teilnehmer sechs Stunden pro Woche viel miteinander sprechen, aber auch gemeinsam in den Wald gehen und dort zum Beispiel eine Höhle bauen. Auf diesem Wege sei es möglich, echte Abenteuer zu erleben und zu erkennen, dass dafür nicht unbedingt Fernseher oder Computer nötig sind.

Die dringend nötige Akzeptanz der Aktion durch die Väter ist da: Bei einer Unterschriftenaktion an der Grundschule Kaltenmoor bekundeten bereits 150 Eltern ihr Interesse. Für Bernd Werner ist das ein sehr positives Zeichen; schließlich könne man so der Kritik begegnen, es nähmen an der Veranstaltung nur diejenigen teil, die sich ohnehin um ihre Kinder kümmerten. Das große Interesse an dem Projekt beweist, wie wichtig ein bewusster Umgang mit Medien ist.