Buchvorstellung

1200 Kilometer nur auf den eigenen Füßen

Foto: Wolfgang Lührs

Der Lüneburger Wolfgang Lührs berichtet von seiner Wanderung quer durch Deutschland, von Lüneburg nach Füssen an der österreichischen Grenze

Lüneburg. Zweimal hätte er fast aufgegeben. Als die Erschöpfung überhand nahm und die Blasen an seinen Füßen sich in ein eitriges Etwas verwandelt hatten. Aber er ist weitergelaufen, längs durch Deutschland, 1200 Kilometer von Lüneburg nach Füssen. Seine Eindrücke und Erfahrungen von der sechswöchigen Wanderung hat der Lüneburger Wolfgang Lührs aufgeschrieben. Heute liest er ab 20 Uhr in der Buchhandlung Perl aus seinem Buch "Vom Wispern der Wälder und vom Wesen des Wanderns".

Das klingt erst einmal nicht sonderlich spannend, zugegeben. Wandern - hm ja. Durch Deutschland - humpf. Warum ist er nicht wenigstens von Füssen nach Rom gelaufen? "Ich wollte mir zu Hause den Rucksack aufschnallen und einfach losmarschieren", erklärt Lührs. "Und außerdem ist es eigentlich relativ egal, wo man läuft. Es geht um das Wandern an sich." Das habe etwas Archaisches, Meditatives, bringe Dinge in einem selbst in Bewegung. Und genau diese Frage war es, die den damals 59-jährigen Lührs zu der langen Wanderung bewogen hat: Was macht das mit mir?

Und so ist das 336 Seiten starke "Vom Wispern der Wälder und vom Wesen des Wanderns" keineswegs ein Wanderführer mit Streckentipps geworden, sondern vielmehr ein äußerst kurzweiliger, scharf beobachteter und witziger Bericht über eine Reise (auch) zu sich selbst. In dem der Leser selbstverständlich auch viel über ein etwas anderes Deutschland erfährt, ein einsames, manchmal zauberhaftes Deutschland. Zum Beispiel, dass es mehr Bagger als Kühe gibt - "die werden in Gehställen gehalten, das ist günstiger". Ähnliches gilt für die Menschen. "Deutschland findet drinnen statt und wird sich immer ähnlicher", behauptet Lührs. "In vielen Dörfern sieht man keine Menschenseele, weder Kinder noch Frauen oder Männer, schon gar nicht ältere Leute." Auch Edeka-Läden gebe es kaum noch, und die Gasthöfe hätten - wenn denn überhaupt - nur abends oder am Wochenende geöffnet. Eine Tatsache, die Lührs und seinen Wanderbruder Martin Rohlfing vor ganz essenzielle Probleme stellte: Woher Essen nehmen? "Wir haben oft irgendeine Omi angebettelt, dass sie uns in ihrem Gasthof etwas zu essen macht", erzählt Lührs, "oder einem Bauern eine Flasche Wein und etwas Brot abgeschwatzt." Damit sie sich wenigstens nicht mit leerem Magen in ihre Schlafsäcke wickeln mussten.

Denn ein Viertel der Nächte etwa haben die beiden draußen verbracht. "Die erste Nacht war schweinekalt, morgens hatte es zwei Grad", sagt Lührs. Da hätten auch die Luxus-Schlafsäcke, die Skiunterwäsche und der Schlauch überm Kopf nichts genützt. "Morgens lagen wir dennoch zusammengekrümelt in unseren Schlafsack". Im Mai sind die Nächte eben doch sehr frisch, auch wenn es tagsüber fast immer warm und trocken war.

Aber sie wollten es ja einsam, die europäischen Fernwanderwege, die durch Deutschland führen, hätten sie nicht gereizt. In mühevoller Kleinstarbeit wurde die Strecke durch den Harz, den Thüringer Wald und die Fränkische Schweiz bis ins Alpenvorland auf Wanderkarten zurechtgelegt, in Tagesetappen von durchschnittlich 29 Kilometer aufgeteilt und aufs Navi übertragen - die nötigen Wanderkarten wogen 1,8 Kilo, zu viel, um sie mitzuschleppen.

Es kam auch so schon genügend Gepäck zusammen: zwei Paar Socken, zwei Unterhosen, zwei T-Shirts, eine lange, eine kurze Hose, leichte Halbschuhe, Regenklamotten, ein Fleece, Schlafsack, Isomatte, Waschzeug, Trinksack, Notnahrung, Sonnen- und Mückenschutzmittel sowie Medikamente, das macht 14 Kilo, die Tag für Tag an den Schultern zerren. Ob die Unterhosen auch mal gewaschen wurden? "Selten", sagt Lührs und lacht. "Aber wenn man genug geschwitzt hat, dann riecht der Schweiß nicht mehr."

Fast genau drei Jahre sind vergangen, seit sich Wolfgang Lührs mit seinem Freund Martin auf den Weg durch Deutschland machte. Für ihn der richtige Zeitpunkt, einmal innezuhalten. Die Kinder waren aus dem Haus, der Zenit im Beruf - er ist in der ländlichen Erwachsenenbildung tätig - überschritten. Und so unspektakulär das Thema eigentlich auch sein mag - Lührs' Bericht fesselt. Er macht den Leser zum Mitwanderer, über alle Höhen und durch alle Tiefen. Er weckt die Sehnsucht, selbst einfach mal die Wanderstiefel zu schnüren und loszumarschieren, an oder auch über die eigenen Grenzen hinauszugehen und den eigenen Traum zu leben. Und zwar nicht irgendwann. Jetzt.

Karten für die Lesung von Wolfgang Lührs gibt es für fünf Euro in der Buchhandlung Perl, das Buch ist für 19,90 Euro beim Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-89533-766-6, erhältlich.

www.werkstatt-verlag.de