Zwangsaussiedlung: 350 Opfer gab es im Amt Neuhaus - Buch arbeitet Vergangenheit auf

Vertrieben von Haus und Hof

Autorin Karin Toben ging 20 Schicksalen in den kleinen Dörfern an der Elbe nach. Nachbarn von Hans-Jörg Brockmüller aus Pommau wurden noch 1975 vom SED-Regime vertrieben.

Amt Neuhaus. Hans-Jörg Brockmüller hatte Glück. Der Bannstrahl des DDR-Regimes traf den 73-Jährigen nicht. Er durfte in seinem Bauernhaus in dem kleinen Dorf Pommau an der Elbstraße wohnen bleiben, während zwischen 1952 und 1975 viele seiner Nachbarn Haus und Hof unter Zwang verlassen mussten. Das schwere Los, das Brockmüller mit den anderen Menschen hinter dem Deich an der Elbe teilte, war, dass sie im Sperrgebiet zu Hause waren.

Die Gemeinde Amt Neuhaus mit ihren vielen kleinen Dörfern, die nach der Wende seit 1992 wieder zum Landkreis Lüneburg gehören, war die Außengrenze der DDR. Die Bewohner lebten unmittelbar am Eisernen Vorhang. Doch nicht alle durften bleiben. Die Diktatur siedelte 350 Männer, Frauen und Kinder aus dem Amt Neuhaus unter Zwang aus. Von einem auf den anderen Tag verloren sie Haus und Hof, wurden in andere Landesteile ins DDR-Hinterland von den SED-Schergen vertrieben. Mit 20 dieser Schicksale aus den Orten Vockfey, Pommau, Privelack, Haar, Stapel und Zeetze hat sich die Journalistin Karin Toben befasst. Sie brachte jetzt das Buch ,,Heimatsehnen - Zwangsaussiedlungen an der Elbe zwischen 1952 und 1975" heraus.

Hans-Jörg Brockmüller ist ein freundlicher, gut gelaunter Mann. Die Angst, die jahrzehntelang sein Leben prägte, hat äußerlich keine Spuren hinterlassen. Aber wenn er von damals erzählt, wird klar, wie schlimm es gewesen sein muss. ,,Jeder hatte Angst und Wut im Bauch. Aber gesagt hat keiner etwas. Die haben uns mundtot gemacht. Wir wussten ja nicht, wie lange sie uns in Ruhe lassen und wir noch bleiben durften." Und fortgehen sei für ihn nicht in Frage gekommen. ,,Viele haben mir gesagt, ich soll landeinwärts abhauen. Aber dann wäre der Bauernhof, der seit Generationen in Familienbesitz ist, abgerissen worden."

Hans-Jörg Brockmüller hat es überstanden. Andere nicht. Seine Nachbarn Justus und Marta Funck wurden als letzte aus dem Amt Neuhaus zwangsausgesiedelt. Das war am 15. Januar 1975. ,,In einer Nacht- und Nebelaktion. Am frühen Morgen ging alles über die Bühne, wurden Haus und Hof leer geräumt", erinnert sich Brockmüller. Morgens sei er zur Arbeit auf die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gegangen, als er am Abend heimkam, seien Justus und Marta Funck mit ihren acht Kindern weg gewesen. ,,Wir haben nichts mitgekriegt. Wir wussten nur, dass die Familie eine Frist von drei Tagen hatte, um wegzuziehen." Einfach so. ,,Weil Marta nicht wählen wollte, obwohl die Partei sie dazu aufforderte." Nachdem die Familie fort war, wurde der Bauernhof dem Erdboden gleich gemacht. Keine Spur ist heute mehr vom einstigen Nachbargehöft auf der Warft gleich neben dem hübsch zurechtgemachten Haus von Brockmüller zu sehen, das er mit Lebensgefährtin Helga Peter bewohnt.

Buchautorin Karin Toben hat während ihrer Recherche 100 Interviews mit Nachfahren der Vertriebenen geführt, weil nur noch zwei hochbetagte Damen die einzig Überlebenden sind. Die journalistische Neugier hatte sie gepackt, als Pastor Christian Schnabel im Pfarrhaus in Stapel Briefe von Zwangsausgesiedelten entdeckte, die sie einst aus der Ferne an ihren inzwischen verstorbenen Heimatpastor Axel Beste schrieben. ,,Als ich im Sommer 2007 davon hörte, hat mich die Neugier angetrieben - aber auch die Anteilnahme mit den Opfern." Viele Zwangsausgesiedeltes seien krank geworden, einige hätten sich sogar das Leben genommen. "Diese Menschen sind Opfer ohne Schuld. Sie verloren ihre Lebensgrundlage. Das ist ein Verbrechen der DDR."