Bilderrausch Glamour mit Abgründen

Die New Yorker Künstlerin Marilyn Minter zeigt ihre Werke in der Falckenberg-Sammlung in den Phoenix-Hallen

Farben, Zungen, Münder, klebrige Massen, glitzernde Perlen, ewig hohe Absätze und dramatisch falsche Wimpern: Auf den ersten Blick ist diese Ästhetik eingängig, aufreizend, und sie ist scheinbar der Bildsprache der Werbung entnommen. Und so verwundert es nicht, dass Popikone Madonna die hoch erotischen und visuellen Bildwelten von Marilyn Minter mit diesem gewissen feuchtglänzenden Glamourlook zum Hintergrund ihrer Bühnenshow der "Sticky and Sweet-Tour" erwählte.

"Green Pink Caviar" heißt das Video, indem sich volle Lippen und eine rosafarbene Zunge durch grünlich wabernde Zuckermassen schlecken, das die Grande Dame des Pop für ihre laszive Bühnenshow aussuchte. Seit April flimmert es auch in Harburg durch abgedunkelte Räume, nämlich durch die der Falckenberg-Sammlung, seit Kurzem Dependance der Hamburger Deichtorhallen. Dies ist die eine, die glitzernde Seite der Künstlerin Marilyn Minter, die Seite der Populärkultur. Doch so einfach sollte man es sich bei der scheinbar hyperrealistischen Malerei auch wiederum nicht machen.

Ist Minter mit 62 Jahren gerade ein später Triumph in der Kunstwelt beschert, so war ihr Debüt in der Kunstwelt mehr als knirschend. Ja geradezu holprig. Als pornografisch und antifeministisch wurden ihre frühen Werke denunziert, und die Tatsache, dass Minter schon einmal eine TV-Anzeige für ihre eigene Kunst schaltete, auch wenn diese hoch ästhetisch war, wurde ihr ebenfalls von den erlauchten Kreisen nicht recht verziehen. Jahrelang konnte die Künstlerin mehr schlecht als recht von ihrer Kunst leben, heute werden schon mal Summen von 450 000 Dollar für ein Bild von ihr bezahlt.

Die einen finden die zierliche New Yorker Künstlerin mit dem fransigen Rotschopf, die wilde Drogenzeiten in New York erlebte, zwar immer noch dekorativ und eindimensional, also zu vernachlässigen. Doch wer genau hin sieht, kann Abgründe in den Glitzer und Glamour-Bildern erkennen, die aussehen, als wären sie gerade einer Modestrecke entsprungen. Marilyn Minter ribbelt die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz auf.

Minter startete künstlerisch mit Fotografien ihrer tabletten- und drogenabhängigen Mutter aus Louisiana. In Schwarzweiß zeigen diese Abzüge eine Frau, deren glamouröse Tage schon am Schwinden sind, immer noch wohl frisiert und um Haltung bemüht, doch der Lack des Lebens hat bröckelnde Placken ins Gesicht gerissen. Melancholisch und mit einer intensiven Gestimmtheit zeigt die Künstlerin ihre Mutter mit Zigarette in ihrer Kissengruft - rauchend.

Auf ähnliche Weise schreiben die neuen erfolgreichen Hochglanzbilder, auf denen ein lackierter Damenfuß in Designerstilettos aus eisblauen Glitzersteinen durch eine Pfütze stakst und das schlammige Wasser als schwarzes Rinnsaal am Bein empor spritzt, das Elendige in den Glanz ein (so in "Wave") - und machen die Szenerie zum vergänglichen "Memento Mori". In "Stepping Up", prominent in den Phoenixhallen gehängt, ziehen erneut transparente Glitzerkristalle am Damenstiletto das Auge des Betrachters in den Bann.

Überbordend luxuriös, doch wir sehen eben auch eine Ferse, geschunden und schmutzig, wie sie sich zusammen mit der Schuhträgerin den Weg über eine kalte Betontreppe nach oben bahnt. Ein gefallener Engel, der für den Glanz des Aufstiegs vielleicht bezahlt hat.

Minters Glamourwelten erzählen so auch vom harten Gesetz des Kapitalismus, der die Beziehungsebene erreicht hat, von Illusionen und Masken, von Verführung und Schmerz, von Pornografie und Verletzlichkeit, von Feminismus und seinen Abgründen. Denn unter Minters Blick wird sogar scheinbar "Pornografisches" verletzlich. So fotografierte Minter Pamela Anderson umgeben von Seifenblasen unter der Dusche. Durchscheinend hinter einem Schleier aus Wasser, so als würde sich Andersons mediales Dasein als Sexikone ebenfalls langsam auflösen.

Doch so ganz geheuer war Marilyn Minter ihre erotische Malerei, die auf den ersten Blick nach Fotografie aussieht, selbst wohl längere Zeit nicht. Wie anders lässt sich die Anekdote interpretieren, dass die Künstlerin ihren eigenen Mann beim Kennenlernen nicht in ihr Atelier in Soho ließ? Zu sehr fürchtete sie, ihn mit den expliziten Darstellungen zu verschrecken. Mittlerweile ist er seit 20 Jahren fest an ihrer Seite.

Minters Werke verraten erst beim Nähertreten ihren farblichen Malgrund. Dann löst sich das scheinbar Fotografische in deutliche farbliche Spuren auf. Für das Malen der Fotografien, die Minter in ihrem neuen Loft im New Yorker Garment District anfertigt, werden Assistenten quasi wie beim "Malen-nach-Zahlen" beschäftigt, die die Farbe auftupfen und die glossige Wirkung im Bild durch das Auftragen von Emaillelack auf Metallgrund herstellen. Mit einer gewissen fotografischen Spontaneität entstünden ihre Bildmotive, von denen Minter in einem Videoporträt einmal sagte, dass sie sich oft gar nicht mehr an einzelne Bilder erinnern könne, so sehr sei sie in die Intensität des Fotografierens versunken.

Nur mit diesem Team in ihrer Factory ist es Minter möglich, fünf ihrer Bilder pro Jahr fertig zu stellen und eben auch ökonomisch zu arbeiten. Doch lange erziele sie nicht die Marktpreise, die männlichen Künstlern gezahlt werden, wie sie einem deutschen Kunstmagazin verriet. Minter mag bei aller Perfektion und Oberflächenästhetik, die ihre Bilder ausstrahlen mögen, auch das Unperfekte.

Sie spricht von einem Glamour, der noch "perfekter und anziehender" werde, "wenn er auseinander fällt". Dass kann schon der knallrote Lippenstiftrest auf dem blitzend weißen Modellzahn sein, der das Motiv plötzlich aufregend und sexy macht. Und da ist auch eine gewisse Fragilität, eine Schutzlosigkeit, die Minter hinter der glänzenden Oberfläche gerne mit einer gewissen postfeministischen, doch immer zugewandten Ironie erspüren lässt. Minter möchte Dinge sichtbar machen, die sonst ausgeschlossen bleiben.

Parallel zu Minters Bildwelten wurde durch die Mithilfe der Hanne Darboven-Stiftung in der Sammlung Falckenberg ein ständiger Hanne Darboven-Raum eingerichtet, der einen spannenden Gegensatz zu Marilyn Minters Bildwelten eröffnet: Sinnliche Körperlichkeit trifft kühle Rationalität.

Doch die Kuratoren entdecken auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden: Beide Künstlerinnen hätten immer ihren eigenen Weg verfolgt, unbeirrt von Moden und Meinungen.

Sammlung Falckenberg/ Deichtorhallen, Ausstellung bis 12. Juni, Anmeldungen zu Führungen besuch@sammlung-falckenberg.de , jeweils mittwochs um 18 Uhr, samstags um 1 Uhr und sonntags um 12 und 14 Uhr.